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Wolfgang Fieg (13.03.2018, 17:00)
Ist das Ausfahren aus einem Kreisverkehr "Abbiegen" im Sinne des § 9
StVO mit der sich daraus ergebenden besonderen Rücksichtnahme- und ggf.
Wartepflicht gegenüber Fußgängern, die die Fahrbahn der Ausfahrt
(tangential zum Kreisverkehr) überqueren?

Wolfgang
Arne Johannessen (13.03.2018, 17:18)
Wolfgang Fieg said:
> Ist das Ausfahren aus einem Kreisverkehr "Abbiegen" im Sinne des § 9
> StVO mit der sich daraus ergebenden besonderen Rücksichtnahme- und ggf.
> Wartepflicht gegenüber Fußgängern, die die Fahrbahn der Ausfahrt
> (tangential zum Kreisverkehr) überqueren?


In Deutschland m. W. ja: Der Kreisverkehr wird quasi als kreisförmige
Einbahnstraße betrachtet.

(Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, wo ein Kreisverkehr eine
*einzige* Kreuzung darstellt. Auf Fußgänger und Radfahrer muss man aber
auch dort Rücksicht nehmen.)
frank paulsen (13.03.2018, 17:22)
Wolfgang Fieg <wolfgang.fieg> writes:

> Ist das Ausfahren aus einem Kreisverkehr "Abbiegen" im Sinne des § 9
> StVO mit der sich daraus ergebenden besonderen Rücksichtnahme- und
> ggf. Wartepflicht gegenüber Fußgängern, die die Fahrbahn der Ausfahrt
> (tangential zum Kreisverkehr) überqueren?


ja.
Johann Mayerwieser (14.03.2018, 12:40)
Am Tue, 13 Mar 2018 16:18:21 +0100 schrieb Arne Johannessen:

> In Deutschland m. W. ja: Der Kreisverkehr wird quasi als kreisförmige
> Einbahnstraße betrachtet.
> (Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, wo ein Kreisverkehr eine
> *einzige* Kreuzung darstellt. Auf Fußgänger und Radfahrer muss man aber
> auch dort Rücksicht nehmen.)


In welchen Ländern?
Arne Johannessen (14.03.2018, 14:26)
Johann Mayerwieser said:
> Am Tue, 13 Mar 2018 16:18:21 +0100 schrieb Arne Johannessen:
> In welchen Ländern?


Norwegen, zum Beispiel. Und Großbritannien; somit vermutlich auch die
meisten Länder unter britischem Einfluss.

Für den Verkehrsteilnehmer hat das im Wesentlichen Einfluss auf das
Blinken und Einordnen. Außerdem steigt die Kapazität.
Johann Mayerwieser (14.03.2018, 17:38)
Am Wed, 14 Mar 2018 13:26:19 +0100 schrieb Arne Johannessen:

> Norwegen, zum Beispiel. Und Großbritannien; somit vermutlich auch die
> meisten Länder unter britischem Einfluss.
> Für den Verkehrsteilnehmer hat das im Wesentlichen Einfluss auf das
> Blinken und Einordnen. Außerdem steigt die Kapazität.


Bei Großbritannien würde ich das nicht so behaupten. Dort hat der
Kreisverkehr ganz eigene Regeln bezüglich Einfahren, Blinken und
Ausfahren, während der Kreisverkehr in der österreichischen StVO nur zwei
Mal erwähnt wird (Definition im § 2 und Verkehrszeichen: Achtung
Kreisverkehr). Zum Befahren und Blinken keine Regel.

In Großbritannien:
Einfahren bei mehrspurigen Einfahrten je nach angezielter Ausfahrt,
Blinken beim Einfahren je nach angezielter Ausfahrt.
Bei mehrspurigen KV Fahrstreifenbenutzung je nach angezielter Ausfahrt.
Arne Johannessen (14.03.2018, 20:24)
Johann Mayerwieser said:
> Am Wed, 14 Mar 2018 13:26:19 +0100 schrieb Arne Johannessen:
> Bei Großbritannien würde ich das nicht so behaupten. Dort hat der
> Kreisverkehr ganz eigene Regeln [...]


So gesehen hast Du recht. Ich hätte oben besser schreiben sollen: In
vielen anderen Ländern *funktionieren* Kreisverkehre *wie* eine einzige
Kreuzung.

Konzeptionell sind sie ja auch eine einzige Kreuzung. Dass sie in DE
als runde Straße gelten, liegt wohl daran, dass es in DE längere Zeit
keine echten Kreisverkehre gab. Daher auch das deutsche Blinkverbot
beim Einfahren: Früher *musste* man beim Einfahren *immer* rechts
blinken, weil man dabei ja nach deutscher Sichtweise zwangsläufig
rechts abbog (nämlich in die runde Straße). Was leicht missverstanden
werden konnte. Vernünftiges Blinken (wie es z. B. in GB und NO
vorgeschrieben ist) traute man den Deutschen offenbar nicht zu, also
wurde stattdessen Blinkverbot beim Einfahren eingeführt.
Bernd Ullrich (14.03.2018, 22:05)
Am 14.03.2018 um 19:24 schrieb Arne Johannessen:
> Johann Mayerwieser said:
> So gesehen hast Du recht. Ich hätte oben besser schreiben sollen: In
> vielen anderen Ländern *funktionieren* Kreisverkehre *wie* eine einzige
> Kreuzung. -----------------------------------
> Konzeptionell sind sie ja auch eine einzige Kreuzung. Dass sie in DE als
> runde Straße gelten, liegt wohl daran, dass es in DE längere Zeit keine
> echten Kreisverkehre gab. Daher auch das deutsche Blinkverbot beim
> Einfahren: Früher *musste* man beim Einfahren *immer* rechts blinken,
> weil man dabei ja nach deutscher Sichtweise zwangsläufig rechts abbog
> (nämlich in die runde Straße). Was leicht missverstanden werden konnte.


> Vernünftiges Blinken (wie es z. B. in GB und NO vorgeschrieben ist)
> traute man den Deutschen offenbar nicht zu, also wurde stattdessen
> Blinkverbot beim Einfahren eingeführt.


Nach meinen Informationen sollte damit (blinkverbot) durchgesetzt werden
dass in dem Spezialfall nur nach rechts abzubiegen sei\muss.
Als Denkhilfe ebend.
Der Server auf dem das mal ausführlich stand ist aber tot:-(

BU
Werner Holtfreter (15.03.2018, 00:02)
Johann Mayerwieser wrote:

> In Großbritannien:
> Einfahren bei mehrspurigen Einfahrten je nach angezielter
> Ausfahrt, Blinken beim Einfahren je nach angezielter Ausfahrt.
> Bei mehrspurigen KV Fahrstreifenbenutzung je nach angezielter
> Ausfahrt.


Ja, die Spuren im Kreisverkehr laufen nicht konzentrisch sondern
spiralförmig nach außen zu der "vorgewählten" Ausfahrt. Während man
in D gefahrlos mehrere Runden drehen kann, wenn man sich nicht
sicher ist, wohin, ist das in EN höchst problematisch. Dazu der
ungewohnte Linksverkehr und oft noch mit Ampeln kombiniert - ich
fand es sehr anspruchsvoll und einmal hätte es fast gekracht.

Auch in D werden nun immer mehr Kreisverkehre angelegt. Sinnvoll
oder Verkehrsberuhigung/behinderung im grünen Stil?
Ingo Stiller (15.03.2018, 00:26)
Am Mittwoch, 14. März 2018 23:02:16 UTC+1 schrieb Werner Holtfreter:

> Ja, die Spuren im Kreisverkehr laufen nicht konzentrisch sondern
> spiralförmig nach außen zu der "vorgewählten" Ausfahrt. Während man
> in D gefahrlos mehrere Runden drehen kann, wenn man sich nicht
> sicher ist, wohin, ist das in EN höchst problematisch. Dazu der
> ungewohnte Linksverkehr und oft noch mit Ampeln kombiniert - ich
> fand es sehr anspruchsvoll und einmal hätte es fast gekracht.


In UK sind die meisten Kreisel aber großzügiger angelegt und keine Pseudokreisel wie oft in Deutschland: "normale" Kreuzung mit einer rundenMarkierung in der Mitte.

Am Flughafen Heathrow hat man wohl an Auswärtige/Ausländer gedacht. Dort stand an einigen Kreiseln: "In doubt left"

Wobei, auch in England gibt es gewöhnungsbedürftige Kreisel :-)
>)


Gruß Ingo
Johann Mayerwieser (15.03.2018, 00:29)
Am Wed, 14 Mar 2018 19:24:09 +0100 schrieb Arne Johannessen:

> Konzeptionell sind sie ja auch eine einzige Kreuzung. Dass sie in DE als
> runde Straße gelten, liegt wohl daran, dass es in DE längere Zeit keine
> echten Kreisverkehre gab. Daher auch das deutsche Blinkverbot beim
> Einfahren: Früher *musste* man beim Einfahren *immer* rechts blinken,
> weil man dabei ja nach deutscher Sichtweise zwangsläufig rechts abbog
> (nämlich in die runde Straße). Was leicht missverstanden werden konnte.
> Vernünftiges Blinken (wie es z. B. in GB und NO vorgeschrieben ist)
> traute man den Deutschen offenbar nicht zu, also wurde stattdessen
> Blinkverbot beim Einfahren eingeführt.


In Österreich im Prinzip ähnlich.

Defintion in § 2 Punkt 3c StVO:
Kreisverkehr: eine kreisförmige oder annähernd kreisförmig verlaufende
Fahrbahn, die für den Verkehr in eine Richtung bestimmt ist;

weiters gibt es keine speziellen Bestimmungen, d.h. man verhält sich beim
Einfahren wie bei jeder Einmündung (in Österreich braucht man nicht
blinken, wenn man nur in eine Richtung fahren kann) und beim Verlassen
wie bei jedem Abbiegen. Fertig. Gefällt mir in seiner Einfachkeit gut.
Johann Mayerwieser (15.03.2018, 01:50)
Am Wed, 14 Mar 2018 23:02:15 +0100 schrieb Werner Holtfreter:

> Johann Mayerwieser wrote:
> Ja, die Spuren im Kreisverkehr laufen nicht konzentrisch sondern
> spiralförmig nach außen zu der "vorgewählten" Ausfahrt. Während man in D
> gefahrlos mehrere Runden drehen kann, wenn man sich nicht sicher ist,
> wohin, ist das in EN höchst problematisch. Dazu der ungewohnte
> Linksverkehr und oft noch mit Ampeln kombiniert - ich fand es sehr
> anspruchsvoll und einmal hätte es fast gekracht.


Es gibt "Turbo-Kreisverkehre", die meisten mehrspurigen Kreisverkehre
sind aber keine solche. Trotzdem muss man z.B. für die dritte Ausfahrt
die innerste Spur nehmen und dann nach außen Spur wechseln. Ist aber
nicht gefährlich, weil im KV nicht überholt wird und auch erst dann
eingefahren wird, wenn sich von rechts kein Fahrzeug nähert, egal in
welche Fahrspur.
Selbst in Turbo-Kreisverkehren kann man mehrere Runden drehen, wenn man
innen bleibt.

> Auch in D werden nun immer mehr Kreisverkehre angelegt. Sinnvoll oder
> Verkehrsberuhigung/behinderung im grünen Stil?


Ich denke, sinnvoll. Im Prinzip ist man scheller weg als bei
Ampelregelung. Sie erhöhen die Verkehrssicherheit gegenüber ungeregelten
Kreuzungen und sie verringern die Abgasbelastung, weil kaum
Fahrzeugkolonnen stehen wie vor Ampeln.
Klaus K (15.03.2018, 10:32)
Werner Holtfreter schrieb:
> Auch in D werden nun immer mehr Kreisverkehre angelegt. Sinnvoll
> oder Verkehrsberuhigung/behinderung im grünen Stil?


Sowohl, als auch, je nachdem, an welchen Stellen man das macht. Es gibt Kreisverkehre,
an denen sich lange Schlangen bilden, die es ohne den Kreisverkehr nicht gegeben hat
aber auch ausreichend erfolgreiche Beispiele.
K.
HC Ahlmann (15.03.2018, 11:26)
Ingo Stiller <i2stiller> wrote:

> Am Mittwoch, 14. März 2018 23:02:16 UTC+1 schrieb Werner Holtfreter:
> In UK sind die meisten Kreisel aber großzügiger angelegt und keine
> Pseudokreisel wie oft in Deutschland: "normale" Kreuzung mit einer runden
> Markierung in der Mitte.


Es gibt in England sehr viele Roundabouts in Nebenstraßen, die nicht
mehr als ein runder Farbklecks sind.
HC Ahlmann (15.03.2018, 11:26)
Werner Holtfreter <holtfreter> wrote:

> Johann Mayerwieser wrote:
> Ja, die Spuren im Kreisverkehr laufen nicht konzentrisch sondern
> spiralförmig nach außen zu der "vorgewählten" Ausfahrt. Während man
> in D gefahrlos mehrere Runden drehen kann, wenn man sich nicht
> sicher ist, wohin, ist das in EN höchst problematisch.


Es gibt in Deutschland Turbo-Kreisel genannte Kreisverkehre, bei denen
man nicht ohne Spurwechsel mehrere Runden drehen kann; z.B. große
Kreisverkehre wie den Weidetor-Kreisel in Hannover, B6/Utbremer Ring in
Bremen.

> Dazu der ungewohnte Linksverkehr und oft noch mit Ampeln kombiniert - ich
> fand es sehr anspruchsvoll und einmal hätte es fast gekracht.
> Auch in D werden nun immer mehr Kreisverkehre angelegt. Sinnvoll
> oder Verkehrsberuhigung/behinderung im grünen Stil?


Die Vorteile von Kreisverkehren sind die kontinuierliche Zufahrt statt
Blockabfertigung durch Lichtzeichen gepaart mit Verzicht auf frontale
kreuzende Fahrlinien zugunsten tangential annähernder Fahrlinien
(Unfallschwere) und Ersparnis des Baus und Unterhalts von
Lichtzeichenanlagen.

Ich habe in Hannover und Siegburg die Umwandlung von Kreuzungen mit oder
ohne Ampel in Kreisverkehre und die Ergänzung von asymmetrisch
belasteteten Kreisverkehren mit Ampeln (Ricklinger Kreisel,
Landwehr-Kreisel) erlebt, es war jedes Mal den Verkehrsfluss
verbessernd, weil verstetigend. Es sinkt zwar die (unfallträchtige)
Spitzengeschwindigkeit zwischen zwei Ampeln, aber die Reisezeit
bestimmende Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt nicht, weil viel
Wartezeit wegfällt, und mit dem gleichmäßigeren Geschwindigkeitsprofil
sind geringerer Kraftstoffverbrauch und Bremsverschleiß
(Feinstaubquelle) zu erwarten.

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