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Olaf Barheine (16.06.2017, 19:41)
Moin!

Ich habe gerade auf Xing eine Projektausschreibung eines Vermittlers im
Auftrag einer Landesbehörde für einen IT-Freelancer gelesen: 3 Jahre
Laufzeit, Einsatz vor Ort, 100% Auslastung.

Ich frage mich, wie das geht. Genießen Behörden etwa einen Sonderstatus?
Jedes Privatunternehmen, das ein solches Projekt ausschreiben würde,
müsste wohl damit rechnen, dass bald die Rentenversicherung wegen
Verdachts auf Scheinselbständigkeit auf der Matte steht. :-(

Gruß, Olaf
Olaf Barheine (16.06.2017, 20:00)
Am 16.06.2017 um 19:41 schrieb Olaf Barheine:
> Moin!
> Ich habe gerade auf Xing eine Projektausschreibung eines Vermittlers im
> Auftrag einer Landesbehörde für einen IT-Freelancer gelesen: 3 Jahre
> Laufzeit, Einsatz vor Ort, 100% Auslastung.


Kleiner Nachtrag am Rande: Natürlich auch noch ein SPD-regiertes
Bundesland. Ich sollte mal das zuständige Arbeitsministerium
anschreiben, ob die mir das erklären können.
Matthias Frank (19.06.2017, 15:08)
Am 16.06.2017 um 19:41 schrieb Olaf Barheine:
> Moin!
> Ich habe gerade auf Xing eine Projektausschreibung eines Vermittlers im
> Auftrag einer Landesbehörde für einen IT-Freelancer gelesen: 3 Jahre
> Laufzeit, Einsatz vor Ort, 100% Auslastung.


Es wird ausdrücklich ein Einpersonenfreelancer gesucht?
Es könnte ja auch sowas wie ein Werkvertrag sein. Also man sucht
eine Firma, die einen Mitarbeiter zur Verfügung stellt.

Ansonsten könnten Behörden so eine Stelle befristet an einen
Arbeitnehmer vergeben. Das wäre eigentlich die übliche
Vorgehensweise. (Aber vielleicht findet man niemand der als ITler
für EG 13 arbeitet).
Olaf Barheine (19.06.2017, 15:25)
Moin!

Am 19.06.2017 um 15:08 schrieb Matthias Frank:
> Am 16.06.2017 um 19:41 schrieb Olaf Barheine:
>> Moin!
>> Ich habe gerade auf Xing eine Projektausschreibung eines Vermittlers im
>> Auftrag einer Landesbehörde für einen IT-Freelancer gelesen: 3 Jahre
>> Laufzeit, Einsatz vor Ort, 100% Auslastung.

> Es wird ausdrücklich ein Einpersonenfreelancer gesucht?


Ja, der Vermittler suchte für die Landesbehörde ausdrücklich einen
Freelancer. Ich kann es aber leider nicht mehr nachprüfen, da die
Ausschreibung verschwunden ist. Entweder die haben die Position schon
besetzt oder ihren Irrtum bemerkt.

Es würde mich aber nicht wundern, wenn da mit zweierlei Maß gemessen wird.

Gruß, Olaf
Marc Haber (20.06.2017, 11:34)
Olaf Barheine <usenet> wrote:
>Es würde mich aber nicht wundern, wenn da mit zweierlei Maß gemessen wird.


Natürlich wird da mit zweierlei Maß gemessen. Warum sollte eine
Behörde sich mehr für die Realität interessieren als eine kommerzielle
Firma?

In der IT suchen die allermeisten Firmen, die Freelancerprojekte
ausschreiben, eigentlich einen "Angestellten ohne die Nachteile", also
Fünf Tage in der Woche je acht Stunden im Büro, tut was man ihm sagt,
arbeitet mit dem Standardsystem der Firma und ist im Zweifel morgen
nicht mehr da wenn man ihn loswerden will.

Für die Risiken, die solche Vertragsbedingungen mit sich bringen,
interessiert sich niemand.

Grüße
Marc
Matthias Frank (20.06.2017, 13:34)
Am 20.06.2017 um 11:34 schrieb Marc Haber:

> In der IT suchen die allermeisten Firmen, die Freelancerprojekte
> ausschreiben, eigentlich einen "Angestellten ohne die Nachteile", also
> Fünf Tage in der Woche je acht Stunden im Büro, tut was man ihm sagt,
> arbeitet mit dem Standardsystem der Firma und ist im Zweifel morgen
> nicht mehr da wenn man ihn loswerden will.


Wobei ich eher vermute, dass man im ÖD das Problem hat, für die
Vergütungsgruppe die man laut Tarifvertrag zahlen müsste, findet man
niemand.

Wenn man dann ne Freelancer für _angemessenes_ Geld einsetzt, wird
der auch keine Festanstellung einklagen, er würde sich ja
verschlechtern.
Olaf Barheine (20.06.2017, 14:26)
Am 20.06.2017 um 11:34 schrieb Marc Haber:
> Olaf Barheine <usenet> wrote:
>> Es würde mich aber nicht wundern, wenn da mit zweierlei Maß gemessen wird.

> Natürlich wird da mit zweierlei Maß gemessen. Warum sollte eine
> Behörde sich mehr für die Realität interessieren als eine kommerzielle
> Firma?


Mich würde ja echt mal interessieren, ob die DRV als zuständige
Bundeshörde da aktiv werden würde, wenn man ihr eine Landesbehörde
meldet, die derlei Projekte ausschreibt.

Ich bin ja sonst kein Denunziant, aber da würde es mir in den Fingern
jucken. Vielleicht ergibt sich ja mal wieder eine Gelegenheit.

Gruß, Olaf
Marc Haber (20.06.2017, 18:03)
Matthias Frank <ciba-frank-news> wrote:
>Am 20.06.2017 um 11:34 schrieb Marc Haber:
>Wobei ich eher vermute, dass man im ÖD das Problem hat, für die
>Vergütungsgruppe die man laut Tarifvertrag zahlen müsste, findet man
>niemand.
>Wenn man dann ne Freelancer für _angemessenes_ Geld einsetzt, wird
>der auch keine Festanstellung einklagen, er würde sich ja
>verschlechtern.


Es geht in diesen Bereichen üblicherweise nicht darum, dass der
Freelancer sich einklagen möchte, sondern dass die Rentenversicherung
sich ihre 18 Prozent vom Umsatz abschneiden möchte, was sie kann, wenn
sie den Freelancer zum Angestellten umdeklariert.

Grüße
Marc
Matthias Frank (21.06.2017, 14:47)
Am 20.06.2017 um 18:03 schrieb Marc Haber:
> Matthias Frank <ciba-frank-news> wrote:
> Es geht in diesen Bereichen üblicherweise nicht darum, dass der
> Freelancer sich einklagen möchte, sondern dass die Rentenversicherung
> sich ihre 18 Prozent vom Umsatz abschneiden möchte, was sie kann, wenn
> sie den Freelancer zum Angestellten umdeklariert.


Was aber nur bei einer entsprechenden Kontrolle auffällt. Vielleicht
geht man das Risiko ein.
Olaf Barheine (21.06.2017, 15:53)
Am 21.06.2017 um 14:47 schrieb Matthias Frank:
> Am 20.06.2017 um 18:03 schrieb Marc Haber:
> Was aber nur bei einer entsprechenden Kontrolle auffällt. Vielleicht
> geht man das Risiko ein.


Ich habe mich immer gefragt, wie die DRV Verdachtsfällen überhaupt auf
die Schliche kommt und dachte zuerst an Mitarbeiter im Unternehmen, die
ihren Chefs mal eins auswischen wollen und Anzeige erstatten. Aber viel,
viel einfacher: Das Finanzamt soll die DRV informieren, wenn es Verdacht
schöpft.

Gruß, Olaf
Lutz Schulze (21.06.2017, 18:06)
Am Wed, 21 Jun 2017 15:53:16 +0200 schrieb Olaf Barheine:

> Ich habe mich immer gefragt, wie die DRV Verdachtsfällen überhaupt auf
> die Schliche kommt und dachte zuerst an Mitarbeiter im Unternehmen, die
> ihren Chefs mal eins auswischen wollen und Anzeige erstatten. Aber viel,
> viel einfacher: Das Finanzamt soll die DRV informieren, wenn es Verdacht
> schöpft.


Das finde ich jetzt auch nicht so gut, aber irgendwie muss man Gesetze auch
umsetzen wenn man sie schon erläßt.

Das ganze Konstrukt ist krank, am besten die Politik verabschiedet sich mal
von der Vorstellung des Normalarbeitnehmers und organisiert die soziale
Absicherung unabhängig von der Art der Erwerbstätigkeit.

Hoffnung, dass da mal mutige Reformen stattfinden habe ich aus mehreren
Gründen allerdings nicht.

Lutz
Marc Haber (21.06.2017, 19:59)
Lutz Schulze <lschulze> wrote:
>Das ganze Konstrukt ist krank, am besten die Politik verabschiedet sich mal
>von der Vorstellung des Normalarbeitnehmers und organisiert die soziale
>Absicherung unabhängig von der Art der Erwerbstätigkeit.


Bitte unter angemessener Berücksichtigung derer, die seit einem
Vierteljahrhundert oder mehr selbständig sind und eigene Arrangements
ohne die staatliche Rente getroffen haben.

Grüße
Marc
dersteuerfuzzi (23.06.2017, 13:34)
Am Mittwoch, 21. Juni 2017 14:47:02 UTC+2 schrieb Matthias Frank:
> Am 20.06.2017 um 18:03 schrieb Marc Haber:


> > Es geht in diesen Bereichen üblicherweise nicht darum, dass der
> > Freelancer sich einklagen möchte, sondern dass die Rentenversicherung
> > sich ihre 18 Prozent vom Umsatz abschneiden möchte, was sie kann, wenn
> > sie den Freelancer zum Angestellten umdeklariert.

> Was aber nur bei einer entsprechenden Kontrolle auffällt. Vielleicht
> geht man das Risiko ein.


Das Risiko wird mE oft sehr unterschätzt. Bei Beschäftigung einesScheinselbständigen wird mW Sozialversicherungsbetrug begangen. Das ist ein ernstzunehmendes strafrechtliches Problem. Zudem könnte auch eine Steuerhinterziehung vorliegen, da Lohnsteuer nicht einbehalten wurde.

Kontrolliert wird das, soweit ich weiß, von den Prüfern der DRV. Bei einem konkreten Verdacht (z. B. durch Hinweise des Finanzamts, des Mitarbeiters, etc.) rückt auch der Zoll aus und "stürmt" die Büros.

Die Scheinselbständigkeit ist ein riesen Problem, da die Kriterien nurschwer abzugrenzen sind und man "ungewollt" oder "unbewußt" reinschlittern kann. Die Kriminalisierung hilft hier auch mE nicht wirklich sinnvollweiter. Vielmehr kann hier nur eine sinnvolle Gesetzgebung weiterhelfen, diesen Wahnsinn zu beenden. Ich bin sowieso dafür, dass es eine Rentenversicherung für alle gibt, dann kann man diese "Krücke" Scheinselbständigkeit getrost weglassen und jeder ist zufrieden.

Gruß
Steuerfuzzi
Harald Friis (23.06.2017, 14:36)
Am 21.06.2017 um 15:53 schrieb Olaf Barheine:

> Ich habe mich immer gefragt, wie die DRV Verdachtsfällen überhaupt auf
> die Schliche kommt und dachte zuerst an Mitarbeiter im Unternehmen, die
> ihren Chefs mal eins auswischen wollen und Anzeige erstatten. Aber viel,
> viel einfacher: Das Finanzamt soll die DRV informieren, wenn es Verdacht
> schöpft.


Das FA schöpft keinen Verdacht, zudem ist die steuerliche Abgrenzung
abweichend von der sv-rechtlichen (und diese abweichend von der
arbeitsrechtlichen) Sicht.

Die DRV prüft üblicherweise alle vier Jahre die Betriebe, weil
SV-Beiträge nach vier Jahren verjähren. Dabei fällt das dann ggf. auf.

Gruß

Harald Friis
Marc Haber (23.06.2017, 17:28)
dersteuerfuzzi wrote:
>Die Scheinselbständigkeit ist ein riesen Problem, da die Kriterien nur schwer
>bzugrenzen sind und man "ungewollt" oder "unbewußt" reinschlittern kann.
>Die Kriminalisierung hilft hier auch mE nicht wirklich sinnvoll weiter.
>Vielmehr kann hier nur eine sinnvolle Gesetzgebung weiterhelfen, diesen
>Wahnsinn zu beenden.


D'accord. Wenn ich selbständig sein möchte, möchte ich selbständig
sein. Ich brauche den Schutz, den ein "selbständiger" Paketfahrer
braucht, nicht.

>Ich bin sowieso dafür, dass es eine Rentenversicherung für alle gibt,
>dann kann man diese "Krücke" Scheinselbständigkeit getrost weglassen
>und jeder ist zufrieden.


Bis auf diejenigen, deren Rechnung, die vor und seit 30 jahren ohne
die staatliche Rentenversicherung gemacht wurde, durch die plötzlich
auftauchend Rentenversicherung nicht mehr aufgeht und die z.B. ihre
Immobilien deswegen verlieren.

Grüße
Marc

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