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WM (04.04.2010, 08:56)
Kürzlich konnte man im Internet von einem Ingenieur lesen, der auch
axiomatische Mengenlehre studiert hat. Über seine Motive teilte Herr
Baba (Name von der Redaktion geändert) nichts mit. Was kann einen
Ingenieursaspiranten reizen, axiomatische Mengenlehre zu hören? Wollte
er sich überzeugen lassen, dass ES unzählbar viele Zählzahlen gibt und
ES sie auch zählen kann? Oder hatte er schon von Cantors
Unveröffentlichter ver- und deren Inhalt für bare Münze genommen? (s.
KB100403) Daran glaubt heute niemand mehr.

Wäre es nicht nützlicher gewesen zu lernen, wie man Horoskope
interpretiert oder sogar konstruiert? Dafür gibt es mindestens drei
gute Gründe.

1) Mehr Menschen den je glauben an Horoskope. Zeitungen ohne Horoskope
haben mit sinkenden Auflagen zu kämpfen.
2) Das Wissen um die Zukunft ist Grundlage einer vorausschauenden
Lebensplanung. Die Astrologie ist die Grundlage dieser Wissenschaft
(sagen 99,3 % aller Astrologen).
3) Die Astrologie ist eine konsistente Wissenschaft. Interne
Widersprüche in der Astrologie sind bisher nicht bekannt geworden.
Eigentlich glaubt kein Astrologe ernsthaft daran, dass es solche gibt.
Zwar sind immer wieder Widerleger am Werk, aber die kennen nicht
einmal elementarste Grundlagen wie die Definitionen eines Hauses.
Feinheiten wie der Unterschied zwischen siderischer und tropischer
Basis sind ihnen ein Buch mit sieben Sigillen. Allenfalls mit
äußerster Unheholfenheit wissen sie die demotische Sprache zu
gebrauchen, sind also durchweg Cranks.

Historisch betrachtet sind Astronomie und Astrologie nicht zu trennen.
Es ist nicht mehr genau feststellbar, von welchem großen Astrolomen
der Satz stammt: Astrologie ist Astronomie. Möglicherweise geht er auf
Dr. Kepler zurück oder auf Dr. Faustus oder auf Dr. Ahmosis. Heute
dagegen, das sei nicht verhehlt, sprechen Verleumder von einer
Pseudowissenschaft. Doch erstens ist das ein Angriff, wie er in der
einen oder anderen Form keiner Wissenschaft erspart bleibt (wir nennen
nur ein Stichwort: Relativitätstheorie), und zweitens ist
Pseudowissenschaft immer noch nützlicher als gar keine Wissenschaft.
(Beweis: Niemand würde ein Pseudonym benutzen, wenn es keinen Vorteil
gegenüber gar keinem Nym brächte.)

Hauptsächliche Ursache für eine skeptische Einstellung von ernsthaften
Gelehrten mag die Frage nach der richtigen Astrologie sein (ein
Argument, das, wie Bertrand Russell vorbrachte, auch gegenüber den
Weltreligionen gilt.) Doch eine möglichst breite Diversifikation ist
gerade von Vorteil, erlaubt sie doch den Rückgriff auf Reserven, falls
ein Ansatz versagt. Die bedeutenden Unterschiede zwischen
altägyptischer Astrologie (AÄA), Astrologie der Babylonier und Sumerer
(ABS), Astrologie der Chinesen (AC) und vedisch-indischer Astrologie
(VIA) öffnen dem Kundigen immer einen Weg, um zur gewünschten
Prognosen zu gelangen.

Selbstverständlich gab und gibt es ernstzunehmende Gegner der
Astrologie. Das ist eine legitime Einstellung. Einer von ihnen war
Martin Luther, der seiner persönlich-subjektiven Aversion unumwunden
Ausdruck verliehen hat mit den Worten: "Es ist ein Dreck um ihre
Kunst." Doch hat er damit natürlich nicht behauptet (wie Cranks immer
wieder missverstehen möchten), einen internen Widerspruch aufgedeckt
zu haben. Selbstverständlich hat noch niemand einen internen
Widerspruch der Astrologie gezeigt.

Wissenschaftliches Prestige? Es gibt den Abelpreis für Mathematiker,
den Bebelpreis für Politiker, den Cebelpreis für Akustiker. Da müsste
es doch mit dem Debel zugehen, wenn nicht ein Preis für astrologische
Großtaten gestiftet würde, der ebenso prestigeträchtig ist wie der
Ebelpreis für Autoren von Weihnachtsliedern, der an Literaten
verliehene Hebelpreis (einen gleichnamigen Preis erhalten verdiente
Mechaniker), der Nebelpreis für Meteorologen, der Säbelpreis für
Militärs oder der Zobelpreis der Kürschnerinnung, um nur einige zu
nennen und gar nicht zu reden vom Bibelpreis für -forscher oder vom
Nibelpreis für -ungen (und Entwicklungshelfer), Preise also, die
allesamt im Ansehen nicht hinter dem Nobelpreis zurückstehen.
Spätestens seit Obama.

Was in aller Welt muss also einen Ingenieursaspiranten geritten haben,
axiomatische Mengenlehre zu hören?

Gruß, WM

Allen geneigten (zu- und abgeneigten) Lesern des KB ein frohes
Osterfest!
Bobo (04.04.2010, 09:15)
WM <mueckenh> wrote:
> Kürzlich konnte man im Internet von einem Ingenieur lesen, der auch
> axiomatische Mengenlehre studiert hat.


Naja, in einem Mathematikstudium besucht man sehr viele Veranstaltungen.
Schwerpunktmäßig habe ich allerdings andere Veranstaltungen - etwa
Geometrie - gehört.

> Über seine Motive teilte Herr Baba (Name von der Redaktion geändert)
> nichts mit. Was kann einen Ingenieursaspiranten reizen, axiomatische
> Mengenlehre zu hören?


Interesse?
Rainer Rosenthal (04.04.2010, 15:11)
Bobo schrieb:
> WM <mueckenh> wrote:
> Naja, in einem Mathematikstudium besucht man sehr viele Veranstaltungen.
> Schwerpunktmäßig habe ich allerdings andere Veranstaltungen - etwa
> Geometrie - gehört.
> Interesse?

Dafür gibt es aber lediglich den Bobol-Preis ;-)
Den Schwurbel-Preis kannst Du nicht mehr gewinnen, denn der ist seit Jahren
fest vergeben.

Gruß,
Rainer Rosenthal
r.rosenthal
Bobo (04.04.2010, 18:59)
Rainer Rosenthal <r.rosenthal> wrote:

> Den Schwurbel-Preis kannst Du nicht mehr gewinnen, denn der ist seit Jahren
> fest vergeben.


Ja, ich weiß. Gratulation nachträglich.
Rainer Rosenthal (04.04.2010, 19:14)
Bobo schrieb:
> Rainer Rosenthal <r.rosenthal> wrote:
>> Den Schwurbel-Preis kannst Du nicht mehr gewinnen, denn der ist seit Jahren
>> fest vergeben.

> Ja, ich weiß. Gratulation nachträglich. Danke sehr ;-)


RR
Christopher Creutzig (04.04.2010, 21:52)
On 4/4/10 8:56 AM, WM wrote:

> Wäre es nicht nützlicher gewesen zu lernen, wie man Horoskope
> interpretiert oder sogar konstruiert? Dafür gibt es mindestens drei
> gute Gründe.


Netter Text, bitte mehr davon. ;-)

> Allen geneigten (zu- und abgeneigten) Lesern des KB ein frohes
> Osterfest!


Ich wünsche auch, ein solches gehabt zu haben!
Ralf Bader (05.04.2010, 02:31)
WM wrote:

> Was in aller Welt muss also einen Ingenieursaspiranten geritten haben,
> axiomatische Mengenlehre zu hören?


Nun, vielleicht liest er dieses Buch:

Es hat eine Thematik, die für Ingenieure nicht ganz aus der Welt ist, aber
nichtsdestotrotz erscheint auf S. 21 das Zornsche Lemma (und auf S. 57 wird
zwischen diffbaren und stetig diffbaren Abbildungen unterschieden)
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