expertenaustausch > alt.* > alt.talk.unmut

Nico Hoffmann (08.09.2019, 20:45)
....schafft sich ab, und zwar durch schlichte Selbstblockade.

Witzigerweise sowohl auf dem Festland als auch auf der - womöglich
bald einsamen - Insel.

Zunächst die Rest-EU. Nachdem "der Souverän" die Konservativen mit
etwas Übergewicht ins EU-Parlament gewählt hat, brechen Grabenkämpfe
aus, die eine Wahl des EU-Chefs, dort bürokratisierend
Kommissionspräsident genannt, verhindern.

Nachdem die Rest-EU eine zeitlang zugeschaut hat, installieren die
Regierungsschefs der EU-Länder in einer handstreichartigen Aktion
kurzerhand eine Strohpuppe mit zweifelhafter Qualifikation und
Legititation. Das EU-Parlament schreit ein bischen, glotzt aber
ansonsten nur blöd aus der Wäsche. Game over, the winner is Blondhelm.

Dann die Insel insamt ihrer "splendid isolation". Hier beschließt der
Souverän einen EU-Austritt, die Regierung handelt ihn aus, aber das
Parlament kann sich nicht entschließen, einer der durchaus vielen
Varianten zuzustimmen. Johnson macht Anstalten, die Selbstblockade zu
überwinden, indem er versucht, das Parlament vorübergehend
kaltzustellen (und gleichzeitig versucht er mit einer Drohung des
"harten Brexit" bei der EU noch was rauszuschlagen...).

Anders als das EU-Parlament gewinnt das britische Unterhaus diese
Schlacht, weil es in einer plötzlichen, seltenen Einmütigkeit dem
Regierungschef in den Rücken fällt und ihm den Gebrauch seiner
einzigen Waffe gegen die EU, nämlich die Drohung mit dem harten
Brexit, untersagt...

Hier geht das Spiel noch weiter, aus EU-Sicht erstmal zu Lasten der
ziemlich wehrlosen Briten. Die Franzosen haben rhetorisch schon
nachgelegt und einen weiteren Aufschub ohne Bewegung auf der
Gegenseite abgelehnt. Jetzt wird der Spielraum für die Briten ziemlich
klein, und es wird spannend, was kommt.

Es scheint, als wären die Parlamente nur mehr eine Showeinrichtung,
die mit großem Brimborium gewählt werden, aber alsbald wegen der
Unfähigkeit, vorwärts zu kommen, übergangen werden. Dabei muss man
einen guten Teil der Schuld bei den Parlamenten selbst vermuten, denn
es fehlt offenbar an Kompromiss- und Konsensfähigkeit. Nur noch
Auseinandersetzung und Grabenkämpfe, so scheint es.
Mit dem Unwillen, sich zu Kompromissen herabzulassen und diese auch zu
vertreten, entsteht eine Art Machtvakuum, das andere Kräfte
bereitwillig ausfüllen. Auf was steuern wir da zu? Präsidialsystem,
Industrie-Feudalismus, oder ganz banal eine Polit-Oligarchie,
sozusagen das westliche Pendant zur russischen Herrschaftweise?

Der britische Trump ist vorerst(!) gescheitert - aber gibts irgendwann
einen europäischen Erdogan bzw. Putin?

N.

P.S.: Das Gegenbeispiel wäre Italien. Aber vermutlich nur deshalb,
weil sich die Regierung selber so schnell gegen die Wand fährt, dass
das Parlament keine Zeit gehabt hätte, in eine Selbstblockade zu
kommen.
H.-P. Schulz (08.09.2019, 23:00)
Nico Hoffmann <oxensepp> schrieb:

[..]
>ansonsten nur blöd aus der Wäsche. Game over, the winner is Blondhelm.
>Dann die Insel insamt ihrer "splendid isolation". Hier beschließt der
>Souverän einen EU-Austritt,


Der Souverän - das Volk also - hat nicht *beschlossen*!
Ein PM hatte - aus Gründen der Rettung seiner Polit-Karriere - den
Einfall, eine Volksbefragung abzuhalten.
Das Ergebnis ist kein Beschluss, sondern ein
Augenblicks-Stimmungsbild, - und ein sehr unzuverlässiges zudem.

> die Regierung handelt ihn aus, aber das
>Parlament kann sich nicht entschließen, einer der durchaus vielen
>Varianten zuzustimmen.


Wiederum: Personal-Kabale statt Politik.

> Johnson macht Anstalten, die Selbstblockade zu
>überwinden, indem er versucht, das Parlament vorübergehend
>kaltzustellen (und gleichzeitig versucht er mit einer Drohung des
>"harten Brexit" bei der EU noch was rauszuschlagen...).
>Anders als das EU-Parlament gewinnt das britische Unterhaus diese
>Schlacht, weil es in einer plötzlichen, seltenen Einmütigkeit dem
>Regierungschef in den Rücken fällt und ihm den Gebrauch seiner
>einzigen Waffe gegen die EU,


Der "Harte Brexit" ist mitnichten eine "Waffe gegen die EU", sondern
ein Vabanque-Spiel aufs britische Nationalvermögen, beliebt bei Jenen,
die sicher sind, im Fall des Verlustes nicht persönlich blechen zu
müssen (... sondern den Schaden, wie's üblich ist, fein zu
sozialisieren).

> nämlich die Drohung mit dem harten
>Brexit, untersagt...


Die EU fürchtet einen "Harten Brexit" weniger als die Briten ihn
fürchten müssen - und die (Nord)Iren ihn fürchten.
>Hier geht das Spiel noch weiter, aus EU-Sicht erstmal zu Lasten der
>ziemlich wehrlosen Briten. Die Franzosen haben rhetorisch schon
>nachgelegt und einen weiteren Aufschub ohne Bewegung auf der
>Gegenseite abgelehnt. Jetzt wird der Spielraum für die Briten ziemlich
>klein, und es wird spannend, was kommt.


Überhaupt nicht (mehr) "spannend"; nur noch peinlich.
Es wird Neuwahlen geben (müssen), und da werden die Remainer die
Oberhand gewinnen. Die Wahlen ersetzen sozusagen ein zweites
Referendum.
>Es scheint, als wären die Parlamente nur mehr eine Showeinrichtung,
>die mit großem Brimborium gewählt werden, aber alsbald wegen der
>Unfähigkeit, vorwärts zu kommen, übergangen werden.


Wer soll das sein, der da das Parlament übergeht?
Die Parlamente entmächtigen sich aber - so weit richtig beobachtet -
derzeit mit Lust und Verve selbst, indem sie egomanische Autokraten zu
Regierungschefs wählen.

> Dabei muss man
>einen guten Teil der Schuld bei den Parlamenten selbst vermuten, denn
>es fehlt offenbar an Kompromiss- und Konsensfähigkeit.


"Konsensfähigkeit" ist Quatsch, das streiche mal ganz schnell aus
deinem Wortschatz!
Kompromissfähigkeit: In der Tat, daran hapert's.

> Nur noch
>Auseinandersetzung und Grabenkämpfe, so scheint es.
>Mit dem Unwillen, sich zu Kompromissen herabzulassen


sich in Kompromisse zu finden

> und diese auch zu
>vertreten, entsteht eine Art Machtvakuum, das andere Kräfte
>bereitwillig ausfüllen.


Als da wären? "Andere Kräfte" ist mir etwas zu vage.
Wenn Populisten, Demagogen und "charismatische" Autokraten es in die
Parlamente schaffen (nebst einer Korona aus Speichelleckern und
Pöstchengeiern), ist das ein Anzeichen für Sittenverfall beim
(Wahl)Volk. Diesem Sittenverfall geben sich große Teile der
Bevölkerung willentlich-wissentlich hin, das
Infantilisierungs-Dauerfeuer der Werbung seit 50 Jahren zeigt Wirkung.

> Auf was steuern wir da zu? Präsidialsystem,
>Industrie-Feudalismus, oder ganz banal eine Polit-Oligarchie,
>sozusagen das westliche Pendant zur russischen Herrschaftweise?


"Wir" steuern nicht auf etwas zu, "wir" sind längst aufgelaufen: Aufs
Riff namens Alternativlosigkeit. Aber Spaß! Aber "Bares für Rares",
Koch-Show und Nationalelf!
>Der britische Trump ist vorerst(!) gescheitert - aber gibts irgendwann
>einen europäischen Erdogan bzw. Putin?


Wenner eine gute Show abliefert, - klar!
>N.
>P.S.: Das Gegenbeispiel wäre Italien.


Gegenbeispiel wozu?
Dass da jetzt eine quasifaschistische Regierung geplatzt ist, besagt
gar nichts. Die Italiener wählen sich bei nächster Gelegenheit eine
faschistische Parlamentsmehrheit, ohne 'quasi'. Die mögen das wohl.
Die haben auch mehrmals (!!!) einen *Berlusconi* an die Macht gewählt!
Dabei war Italien mal, nach dem Krieg, ein wunderbares, praktisch
sozialistisches Land. (... und Britannien ebenfalls!)
[..]
Stefan Froehlich (09.09.2019, 09:24)
On Sun, 08 Sep 2019 23:00:15 H.-P. Schulz wrote:
> Die haben auch mehrmals (!!!) einen *Berlusconi* an die Macht gewählt!
> Dabei war Italien mal, nach dem Krieg, ein wunderbares, praktisch
> sozialistisches Land. (... und Britannien ebenfalls!)


Nach dem Krieg wussten die Leute halt auch noch, wie das aussehen
und ausgehen kann, wenn man so etwas tut. Sobald die Generation, die
das noch als Kind miterlebt hat, ausgestorben ist, war's das mit dem
Wissen.

Servus,
Stefan
Ulf.Kutzner (09.09.2019, 09:35)
Am Sonntag, 8. September 2019 20:45:01 UTC+2 schrieb Nico Hoffmann:
> Dann die Insel insamt ihrer "splendid isolation". Hier beschließt der
> Souverän einen EU-Austritt, die Regierung


reicht ihn zunächst mit vom Parlament hart erkämpfter
Genehmigung desselben ein,

[..]
> Regierungschef in den Rücken fällt und ihm den Gebrauch seiner
> einzigen Waffe gegen die EU, nämlich die Drohung mit dem harten
> Brexit, untersagt...


Derzeit wird ja die Default-Lösung diskutiert, wonach BJ
wegen Unlust, Krankheit oder kranker Unlust nicht dazu käme,
den Beschluß vor Halloween auch durch Notifizierung umzusetzen...

Gruß, ULF
Ulf.Kutzner (09.09.2019, 09:38)
Am Sonntag, 8. September 2019 23:00:16 UTC+2 schrieb H.-P. Schulz:

> Überhaupt nicht (mehr) "spannend"; nur noch peinlich.
> Es wird Neuwahlen geben (müssen), und da werden die Remainer die
> Oberhand gewinnen. Die Wahlen ersetzen sozusagen ein zweites
> Referendum.


Aber nicht, wenn sie nach dem Brexit stattfinden.

> Wer soll das sein, der da das Parlament übergeht?
> Die Parlamente entmächtigen sich aber - so weit richtig beobachtet -
> derzeit mit Lust und Verve selbst, indem sie egomanische Autokraten zu
> Regierungschefs wählen.


Du meinst, das Unterhaus habe BJ gewählt??
Hartmut Ott (09.09.2019, 15:39)
Hej,

Am 08.09.2019 um 23:00 schrieb H.-P. Schulz:

>>Gegenseite abgelehnt. Jetzt wird der Spielraum für die Briten ziemlich
>>klein, und es wird spannend, was kommt.

> Überhaupt nicht (mehr) "spannend"; nur noch peinlich.


Ich nenne das was da gerade läuft "Ganz großes Theater".

mfg
Hartmut Ott
*Wir alle tragen den Heiligenschein des gewöhnlichen Wahnsinns*
Torsten Mueller (09.09.2019, 17:03)
Nico Hoffmann <oxensepp> schrieb:

> ...schafft sich ab, und zwar durch schlichte Selbstblockade.
> Witzigerweise sowohl auf dem Festland als auch auf der - womöglich
> bald einsamen - Insel.


Es hat meiner Ansicht nach auch viel mit dem Aufkommen des
Berufspolitikers zu tun, der schon in jüngsten Jahren, mit 16 (kann man
bei vielen nachlesen), in die JO seiner jeweils präferierten Partei
eintritt und dort sprichwörtlich Karriere macht und über Jahrzehnte sein
Auskommen und danach noch weiter seine Pensionsansprüche hat. Der
Berufspolitiker gehört meiner Ansicht nach abgeschafft, beispielsweise
indem die Sitzzeit im Bundes- und Landtagen auf 8 Jahre begrenzt wird.
Er ist der Prototyp des weltfremden, volksabgewandten Akteurs, ein
Repräsentativer, der nicht mehr repräsentiert.

Zwotens, aus Sicht eines Parlamentariers aus betrachtet, ist es bequem,
ein paar Wort- und Anführer zu haben und mit diesen mitzugehen, d.h. sie
machen zu lassen, ab und zu mal zu klatschen und aus der Menge heraus
"Jawoll!" oder bei anderen "Buh!" zu rufen. Sonst müßte man noch selber
denken und (was noch viel schlimmer ist) auch mal etwas sagen,
vielleicht etwas Mutiges, etwas, das nicht auf Parteilinie liegt. Gar
nicht gut. Sowas ist eben höchst unangenehm, wenn man noch ein Stückchen
Karriere machen will, und sei es nur horizontal, also lediglich weiter
da sitzen.

Ich komme langsam zu dem Schluß, daß es gar nicht so verkehrt wäre, die
Hälfte des Parlaments einfach an den Pöbel zu verlosen.
Selbstverständlich wäre das ganz ganz schlimm für die Politik, nach
außen wie nach innen, eigentlich gar nicht auszudenken. (Daß es
vielleicht einmal darauf ankäme, endlich eine tatsächlich
mehrheitsfähige Poltik anzubieten, die nämlich dann auch diese Hälfte
überzeugte, kommt eigentlich gar niemandem mehr in den Sinn.)

> Der britische Trump ist vorerst(!) gescheitert - aber gibts irgendwann
> einen europäischen Erdogan bzw. Putin?


Wart ab, wie's die Flintenuschi treibt. Oder halt ihr übernächster
Nachfolger. Der Macron visioniert bereits.

T.M.
Nico Hoffmann (09.09.2019, 18:31)
H.-P Schulz schreibt:

> Nico Hoffmann <oxensepp> schrieb:


>> die Regierung handelt ihn aus, aber das
>>Parlament kann sich nicht entschließen, einer der durchaus vielen
>>Varianten zuzustimmen.

> Wiederum: Personal-Kabale statt Politik.


Genau das sage ich doch.

> Der "Harte Brexit" ist mitnichten eine "Waffe gegen die EU", sondern
> ein Vabanque-Spiel aufs britische Nationalvermögen, beliebt bei Jenen,
> die sicher sind, im Fall des Verlustes nicht persönlich blechen zu
> müssen (... sondern den Schaden, wie's üblich ist, fein zu
> sozialisieren).


Natürlich würden die Briten wohl selber am meisten bluten. Aber zuerst
mal spielt der Johnson Poker. Er geht auf's ganze, wie du ganz richtig
sagst (die Iren sind ihm wurscht).

Die Drohung ist, maximalen Flurschaden anzurichten. Der Hebel aus
Johnson-Sicht ist wohl, dass die EU lieber nachgibt (ein bischen
wenigstens), als kleine bis mittlere Schäden in Kauf zu nehmen. Ob GB
dabei unter die Räder kommt, nimmt er in Kauf, zumindest muß er
glaubhaft so tun. Also spielt er den Amokläufer.

Vergiß auch nicht, die Verhandlungsgegner auf Seiten der EU sind ein
angehender Ruheständler, dem ein Alkoholproblem nachgesagt wird, und,
modulo einer möglichen Terminrochade, Kanonen-Ursel... Also ich finde,
da ist es den Versuch wert. Abgesehen davon, was bleibt ihm sonst
übrig?

Und ob er wirklich Amok läuft, werden wir erst wissen, wenn es vorbei
ist, nicht vorher. Jetzt ist Show, Drohkulisse, usw.

> Wer soll das sein, der da das Parlament übergeht?
> Die Parlamente entmächtigen sich aber - so weit richtig beobachtet -
> derzeit mit Lust und Verve selbst, indem sie egomanische Autokraten zu
> Regierungschefs wählen.


Eben nicht. Weder Johnson noch Kanonen-Ursel wurden vom Parlament
gewählt. Gut, Kanonen-Ursel de jure vielleicht schon, aber das war
eine Wahl zweiter Klasse.

>> Dabei muss man
>>einen guten Teil der Schuld bei den Parlamenten selbst vermuten, denn
>>es fehlt offenbar an Kompromiss- und Konsensfähigkeit.

> "Konsensfähigkeit" ist Quatsch, das streiche mal ganz schnell aus
> deinem Wortschatz!
> Kompromissfähigkeit: In der Tat, daran hapert's.


Ohne einen minimalen Konsens ist kein Kompromiss zur Ausgestaltung
einer Politik möglich.

N.
Peter Veith (09.09.2019, 18:45)
Am 09.09.2019 um 15:39 schrieb Hartmut Ott:

> Ich nenne das was da gerade läuft "Ganz großes Theater".


Ich meine, das sind die wahrhaftigsten Worte zum Thema in diesem Thread.

Veith
H.-P. Schulz (09.09.2019, 21:31)
Nico Hoffmann <oxensepp> schrieb:

>H.-P Schulz schreibt:


>> Wiederum: Personal-Kabale statt Politik.

>Genau das sage ich doch.


Die Briten scheinen sowas mehrheitlich zu mögen.
Jedenfalls liegt Johnson, selbst wenn man irgend welchen Schummel
großzügig raus rechnet, in der Beliebtheit meilenweit vor zB Corbyn.
Der ist "verbrannt", seit irgendwann irgendwer ihn mal einen
"Marxisten" nannte - und er nicht sofort und lauthals den geforderten
Reflex des Dementis hinlegte.

Johnson versteht, die Klaviatur der Volksseele zu traktieren - er
versteht das Populistenhandwerk.

>Natürlich würden die Briten wohl selber am meisten bluten.


Aber, wer weiß, vielleicht mögen die das auch: So ein bisschen "Hard
Times" - wenn sie denn nicht zu "hard" sind - unterhält ja auch ganz
leidlich, nicht wahr?

> Aber zuerst
>mal spielt der Johnson Poker. Er geht auf's ganze, wie du ganz richtig
>sagst (die Iren sind ihm wurscht).


Keiner weiß aber, was, genau, dieses "Ganze" ist.
Eines ist sicher: Im Fall eines Brexit, er sei hart, mittel oder
weich, ist D.T. der lachende Dritte.
>Die Drohung ist, maximalen Flurschaden anzurichten. Der Hebel aus
>Johnson-Sicht ist wohl, dass die EU lieber nachgibt (ein bischen
>wenigstens), als kleine bis mittlere Schäden in Kauf zu nehmen. Ob GB
>dabei unter die Räder kommt, nimmt er in Kauf, zumindest muß er
>glaubhaft so tun. Also spielt er den Amokläufer.


Der Aussage eines Kenners der Johnson-Family (heute im DLF,
"Kontrovers") entnehme ich, dass er den nicht spielt.
>Vergiß auch nicht, die Verhandlungsgegner auf Seiten der EU sind ein
>angehender Ruheständler, dem ein Alkoholproblem nachgesagt wird, und,
>modulo einer möglichen Terminrochade, Kanonen-Ursel... Also ich finde,
>da ist es den Versuch wert. Abgesehen davon, was bleibt ihm sonst
>übrig?


Dem Parlament bliebe einiges "übrig".

>Eben nicht. Weder Johnson noch Kanonen-Ursel wurden vom Parlament
>gewählt.


Johnson wurde von der Parlamentsmehrheit bestellt und bestätigt. Oder
irre ich mich, und *allein* die scheidende Th.M. konnte das festlegen,
ohne irgend jemanden fragen zu müssen??

>Ohne einen minimalen Konsens ist kein Kompromiss zur Ausgestaltung
>einer Politik möglich.


Dieser - meinetwegen auch "minimale" - Konsens wäre aber, ginge es
zivilisiert zu - nicht Gegenstand einer Aushandlung, sondern just der
unverhandelbare (ich fordere: stilschweigende (vgl. mein anderes
Posting im anderen Thread)) Untergrund; die Präsupposition.
Ulf.Kutzner (09.09.2019, 21:34)
Am Montag, 9. September 2019 18:31:58 UTC+2 schrieb Nico Hoffmann:
> Vergiß auch nicht, die Verhandlungsgegner auf Seiten der EU sind ein
> angehender Ruheständler, dem ein Alkoholproblem nachgesagt wird, und,
> modulo einer möglichen Terminrochade, Kanonen-Ursel... Also ich finde,
> da ist es den Versuch wert.


Barnier wäre da auch noch.

Gruß, ULF
Nico Hoffmann (09.09.2019, 22:23)
H.-P Schulz schreibt:

> Nico Hoffmann <oxensepp> schrieb:


>>Vergiß auch nicht, die Verhandlungsgegner auf Seiten der EU sind ein
>>angehender Ruheständler, dem ein Alkoholproblem nachgesagt wird, und,
>>modulo einer möglichen Terminrochade, Kanonen-Ursel... Also ich finde,
>>da ist es den Versuch wert. Abgesehen davon, was bleibt ihm sonst
>>übrig?

> Dem Parlament bliebe einiges "übrig".


Dem Parlament bleibt nichts übrig, denn es verhandelt nicht die
Bedingungen für den Brexit. Das ist Aufgabe der Regierung. Die
Parlamentarier konnten sich aber an den Fingern einer Hand abzählen,
dass die May zurücktreten wird, wenn sie keinen Ausweg mehr hat. Und
den haben sie ihr nicht gelassen - es sei dahingestellt, ob sie
tatsächlich so schlecht verhandelt hat oder ob es andere Gründe
gegeben hat.

>>Eben nicht. Weder Johnson noch Kanonen-Ursel wurden vom Parlament
>>gewählt.

> Johnson wurde von der Parlamentsmehrheit bestellt und bestätigt. Oder
> irre ich mich, und *allein* die scheidende Th.M. konnte das festlegen,
> ohne irgend jemanden fragen zu müssen??


Nein / ja / nein. In GB ernennt der Monarch den Premierminister. Nach
der Tradition ist das der Mehrheitsführer im Parlament.

Theresa May ist als Premierministerin und als Parteichefin
zurückgetreten, d.h., zuerst als Parteichefin, und dann, nachdem Boris
Johnson als neuer Parteichef gewählt worden war, auch als
Premierministerin. Parteichef wurde Boris Johnson durch Urwahl.

Zu Deutsch: Der jetzige Premierminister Großbritanniens wurde von der
Conservative Party in dieses Amt gewählt.

Aber auch die Wahlmodalitäten und die möglichen Kandidaten waren den
Unterhausmitgliedern sicher bekannt.

N.
Hartmut Ott (10.09.2019, 15:26)
Hej,

Am 09.09.2019 um 17:03 schrieb Torsten Mueller:

> Ich komme langsam zu dem Schluß, daß es gar nicht so verkehrt wäre, die
> Hälfte des Parlaments einfach an den Pöbel zu verlosen.


Wie es im Fido immer so schön hieß: MRS33

MRS33 = Mein Reden seit 33

mfg
Hartmut Ott
*Wir alle tragen den Heiligenschein des gewöhnlichen Wahnsinns*
Veith (10.09.2019, 17:21)
Am Dienstag, 10. September 2019 16:34:39 UTC+2 schrieb Hartmut Ott:

> Am 09.09.2019 um 17:03 schrieb Torsten Mueller:
> > Ich komme langsam zu dem Schluß, daß es gar nicht so verkehrtwäre, die
> > Hälfte des Parlaments einfach an den Pöbel zu verlosen.

> Wie es im Fido immer so schön hieß: MRS33


Dieser Idee hatten sich vor Jahren bereits die Politorgane angenommen und sogar
Aristoteles zitiert: "So gilt es, wie ich sage, für demokratisch, dassdie
Besetzung der Ämter durch das Los geschieht (...)", vgl.:


Im Artikel wird zurecht u.a. auf die "Repräsentations-Lücke" verwiesen, wonach
die Herkunft der Gewählten kaum die Sozialstruktur der Bevölkerung
widerspiegelt.

Es wird weiterhin korrekt darauf hingewisen, dass früher Parteien und Parlament
für einen Ausgleich der Interessen gesorgt haben, vor allem auch mit den
Interessen der politischen und ökonomischen Eliten. Sprich: Der Kapitalismus
wurde gezügelt und seine Auswüchse gedeckelt.

Damals nannte man das auch "rheinischen Kapitalismus".

Für die folgende Zustandsbeschreibung fehlt leider die Ursachenanalyse: "Doch
spätestens seit den 1990er Jahren treten Unbehagen und Entfremdung an die Stelle
von Zustimmung und Anerkennung in der Beziehung zwischen Bürgern, Politikern und
ihren Parteien."

Da helfe ich natürlich gern: Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus fehlt
schlicht der Zwang zum Interessenausgleich zwischen Kapitalist^^^Unternehmer und
Volk. Das stemmen heute weder die Parteien noch die Parlamentarier, weil ihnen
die Druckmittel resp. der glaubhafte Verweis nach Osten und die daraus
erwachsene Gefahr des Kommunismus / Bolschewismus fehlt.

Also stellt sich nur noch die Frage: Wie *verkaufe* ich diesen Zustand dem Volk
und schwäche "Unbehagen und Entfremdung" ab?

Da bietet sich das Losverfahren gerade zu an.

Da die BRD sich traditionell mit volkstümlichen Elementen schwer tut, sieht das
dort skizzierte "Szenario für Deutschland" wie folgt aus:

Es würde "allen wahlberechtigten Bürger/-innen die Chance eröffnet, einen von
insgesamt fünf Prozent der Sitze im Bundestag (momentan etwa 30 Sitze)durch Los
einzunehmen." Natürlich "werden die durch Los ermittelten Losabgeordneten *kein*
Stimmrecht bei Gesetzgebung und Regierungsbildung erhalten. Sie werden jedoch
alle Mittel und Instrumente des Parlaments nutzen können, um an der Gesetzgebung
mitzuwirken (...)."

Aber Leckerlies gäbe es für die Gewinner der Ziehung dennoch: "(....) die
Losabgeordneten werden, wie jeder gewählte Abgeordnete, nicht nur über deren
Bezüge, sondern auch über einen professionellen Beraterstab verfügen, der ihnen
hilft, sich in die parlamentarische Arbeit einzuarbeiten und ihre Interessen und
Einstellungen zur Geltung zu bringen."

Ob nun 5%, 50% oder 100% wäre mangels Durchsetzungsmöglichkeiten auch egal.

"Das war ein Durchläufer Herr Rohr."
Peter
E. Hoppenstedt (10.09.2019, 17:24)
Am Sonntag, 8. September 2019 20:45:01 UTC+2 schrieb Nico Hoffmann:
> ... aber gibts irgendwann einen europäischen Erdogan bzw. Putin?

Formal gesehen gehören die Staaten beider Despoten bereits zu Europa.
Allerdings müssen sie wie alle Ossis zivilitationstechnisch noch
mindestens 200 Jahre aufholen.

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