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Merlin (24.12.2019, 22:55)
Salue ihr menschen da draußen
Es ist wieder mal soweit
Ein alter Mythos lebt
Ein alter Gott erbebt

Wir leben in Frieden
Wir leben in Freiheit
Die meisten sind von uns gesund
Die Medizin ist weit fortgeschritten

Und dabei vergessen wir
Das viele von uns heute Nacht arbeiten
Sich den Arsch aufreißen
Dann gibt es da auch noch Menschen

Die hungern
Die im Krieg leben
Denen Granaten das Leben nehmen
Und die Kinder nichts zu fressen kriegen

Ich gebe einen Dreck auf den Klimawandel
Sind nicht viel wichtiger die leidenden menschen

Und doch gibt es da draußen Menschen
Die den Glauben nicht verlieren
Die immer wieder aufstehen
Jeden Tag aufs Neue kämpfen

In diesem Sinne gute Nacht

shalom

Merlin

?
? rotes Kabel oder blaues ?
Filou Soph (25.12.2019, 19:01)
Am 24.12.2019 um 21:55 schrieb Merlin:

Hand auf dein großes Herz oder patsche alternativ auf
deine niedrige Stirn, falls dir wider Erwarten dämmert,
was mich zu dieser Frage drängt: Hältst du das wirklich
für Lyrik, Merlin?
[..]
Merlin (25.12.2019, 23:02)
Purer Zynismus, eine meiner schönsten Eigenschaften:

Meine Hand ist da wo sie hingehört, am Arm. Zudem: ich bin kein
Hirnpatscher, nie gewesen.

Wer befindet eigentlich was Lyrik ist?

Fang nochmal an und denke nach bevor du schreibst. Daher meine Bitte, mit
Quellennachweis: wer entscheidet und/oder befindet darüber was Lyrik ist.

Geht?s noch, es geht immer zuerst um den Inhalt. Besonders bei Themen wie
hier beschrieben.

Ich setze dir zu Ehren eins drauf:

dort wo ich als Kind gespielt
im Paradies immer nur für kurze Zeit
da steht ein Haus
nicht weit

da schreien die Kinder
lachen sie
Da weinen und kotzen sie
und am Ende sterben sie

viel zu früh
seit damals
habe ich Stück für Stück
Den ganzen Wald gekauft

auf der anderen Seite der Straße
dort wo die Grenze
zwischen Stadt und Land verlief
heute gehört das alles mir

die Kinder werden getragen
gefahren
und manche gehen allein
Und alle haben medizinische Hilfe notwendig

in diesem Wald
Der ihnen auf ewig gehört
lachen sie
weinen sie

und sterben viel zu früh
doch während sie verrecken
hören sie die Vögel, die Tiere
riechen und fühlen sie

spielen mit Hund und Katz
doch warum sterben sie so früh
ja vielleicht, vielleicht ja
weil alle Jahrgänge ab 1959

verstrahlt sind?
Wer weiß das schon
niemand hilft Ihnen
schon gleich überhaupt nicht der Staat

egal
sie leben jetzt
Und lachen und weinen
und brüllen vor Schnerz

doch dort ist ein Ort
wo sie frei sein können
für einen Moment
wo lautes Lachen erlaubt ist

Kinderhospiz

tausende Menschen nehmen sich an der Hand und geben alles für einen Moment
des Lachens

shalom

Merlin

P.S. noch Fragen?

Ich schmeiß mich gleich weg ob der Frage was Lyrik ist. Zuerst die
Tatsachen, dann die Form, so muss es sein. Ich bin doch kein Politiker aus
der Dose, der Berater braucht.

Ha:

weil es mir gerade gefällt, deine, solch eine, Frage wurde an dem Internat,
dem es genehm war mich aufzunehmen, immer auf die gleiche Weise gewürdigt:

Mayer 2, setzen, 6 - und seien sie froh, dass sie nicht alle Scheisshäuser
putzen müssen.

Filou Soph <filousoph> wrote:
[..]
Filou Soph (27.12.2019, 11:50)
Am 25.12.2019 um 22:02 schrieb Merlin:
> Purer Zynismus, eine meiner schönsten Eigenschaften:
> Meine Hand ist da wo sie hingehört, am Arm. Zudem: ich bin kein
> Hirnpatscher, nie gewesen.


Das überrascht mich jetzt wirklich nicht. Nebenbei: Ich forderte dich
bewusst nicht auf, dein Hirn zu patschen.

> Wer befindet eigentlich was Lyrik ist?


Eine seltsame, unbewusst (dass sie unbewusst so formuliert und gestellt
wurde, unterstelle ich mal) manipulative Frage. Ein Angriff, aus der
Verteidigung heraus. Sehr amüsant.

> Fang nochmal an und denke nach bevor du schreibst. Daher meine Bitte, mit
> Quellennachweis: wer entscheidet und/oder befindet darüber was Lyrik ist.


Nachdenken, lieber Merlin, ist nur von begrenztem Wert. Ich bevorzuge
Heideggers Methode, von dem Hannah Arendt sagte: "Heidegger denkt nicht
über etwas - "Heidegger denkt etwas".

> Geht?s noch, es geht immer zuerst um den Inhalt.


Lieber Merlin, auch damit liegst du wieder daneben! Es geht eben nicht
zuerst um den Inhalt. Es geht auch nicht zuerst um die Form.

Und damit hast du bis zur Hälfte des kommenden Jahres sicher genug zum
Nachdenken, bevor du dich wieder mal als Vordenker mit dem versuchst,
was du für Lyrik hältst.
Merlin (27.12.2019, 12:52)
Also dann:

> Nachdenken, lieber Merlin, ist nur von begrenztem Wert. Ich bevorzuge
> Heideggers Methode, von dem Hannah Arendt sagte: "Heidegger denkt
> nicht über etwas - "Heidegger denkt etwas".




"Heidegger war von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP und 1934 eines der
Gründungsmitglieder des von Hans Frank geleiteten Ausschusses für
Rechtsphilosophie der nationalsozialistischen Akademie für Deutsches Recht."

Ich dachte es zu lesen hilft dir.

Für uns Beide gilt: EOD

Du dürftest es begreifen, sicher aber nicht verstehen.

Viel Glück im neuen Leben

shalom

Merlin

P.S.
Ist immer einen Besuch wert. Obgleich ich mir vorstellen könnte, dass du
es nicht zu reflektieren magst.

Am 27.12.2019 um 10:50 schrieb Filou Soph:
[..]
michelthomas (27.12.2019, 22:46)
On 27.12.19 11:52, Merlin wrote:
> Also dann:
> Für uns Beide gilt: EOD


Schade, denn jetzt hätte es interessant werden können...

Meine Empfehlung: Lies auch mal den Artikel zu Hannah Arendt, die Filou
Soph zitierte. (Leider ohne Quellenangabe, also nochmals: Schade.)

(Bin gerade bei Eddi Arent gelandet, der eigentlich Gebhardt Georg
Arendt hieß. Wolfgang Völz sagte einst im badischen Blumberg zu ihm:
"Eddi klingt schon mal gut, nur optisch paßt Arent - ohne D - dazu besser."
OK, man suche mal schön...die Quelle
Merlin (28.12.2019, 15:28)
Mich erinnern solche alten Dialoge oder Geschichten zwischen Alt und Jung
immer an z.B. Freud und seine Borderlinerin. Alte Männer übernehmen sich
gern. Denken wir doch mal an Einstein und seine Gattin. Lies mal die
Scheidungsurkunde. Sie macht sich gerade zu lustig über seine mangelnden
mathematischen Fähigkeiten und daher nimmt sie das Geld und er bekommt den
Nobelpreis. Wobei sie ausdrücklich betont, dass sie eigentlich nur für ihre
Arbeit bezahlt wird.

Arendt und Heidegger passen für mich irgendwie dazu. Ich sehe das förmlich
vor mir. Sie reitet auf ihm und sie hilft ihm mit der Peitsche zu strammem
Spiel. Wie immer in solchen Situation geht es meistens, bildlich
gesprochen, in die Hose. So sehe ich das hier, die späte Rache der Frau an
einem der denkt, dass er denkt, obgleich er nie das Denken gelernt hat.
Möglich wäre ja auch, dass der stramme alte Bub es sehr mochte, der jungen
Dame einen vom toten Hund zu erzählen und sie gleichzeitig mit
Stöckelschuhen auf ihm herumschreitet. So das er, im Denken verloren, den
Blick nach oben wendet und ganz entzückt ist. Ein Schelm der Böses denkt.
Wobei Pfennig Absätze böse weh tun können. Man braucht also dementsprechend
eine Frau mit Erfahrung. Bei solchen Spielen ist der Denker nicht der
Lenker.

Heidegger ist in meinen Augen irgendetwas, vielleicht sogar notgeil. Das
ändert für mich aber nichts an der Tatsache, dass aus den historischen
Dokumenten hervorgeht wie sehe ein Monster in ihm lebte.

shalom

Merlin

michelthomas <michelmthomas> wrote:
[..]
Merlin (28.12.2019, 15:33)
Ich vergaß:



michelthomas <michelmthomas> wrote:
[..]
Filou Soph (28.12.2019, 16:57)
Am 28.12.2019 um 14:33 schrieb Merlin:
> Ich vergaß:
>


Ich glaube Schopenhauer war es, der sinngemäß sagte, man solle die
Großen im Original lesen, da ihre Werke die Filterung durch kleine
Köpfe nicht vertrügen. Nun ja, dass sich dieser Dichter des Grauens
damit begnügt, wundert mich nicht, dir sollte aber nur das Original
genügen. Einer der Vorteile der heutigen Zeit ist, dass man sich das
sogar anhören kann, warum ich dir auch im Anschluss, ebenfalls auf
Youtube, Heideggers Vortrag: "Was ist Denken?" empfehle, doch zuvor
Hanna:
Filou Soph (28.12.2019, 17:02)
Am 28.12.2019 um 14:33 schrieb Merlin:
> Ich vergaß:
>


Könnte sein, dass dieser Beitrag zweimal auftaucht! Egal:
Ich glaube Schopenhauer war es, der sinngemäß sagte, man solle die
Großen im Original lesen, da ihre Werke die Filterung durch kleine
Köpfe nicht vertrügen. Nun ja, dass sich der hiesige Dichter des
Grauens damit begnügt, wundert mich nicht, dir sollte aber nur das
Original genügen. Einer der Vorteile der heutigen Zeit ist, dass man
sich das sogar anhören kann, warum ich dir auch im Anschluss, ebenfalls
auf Youtube, Heideggers Vortrag: "Was ist Denken?" empfehle, doch zuvor
Hannah:
michelthomas (28.12.2019, 20:00)
Okay, dankeschön, Dein Zitat kommt drin vor.
Wegen ihrer hart klingenden Stimme bleibt festzustellen, daß ich ihr nur
ungern zuhörte.

Das Denken baut sich wohl aus der Sprache auf: Wenn ich "1+1=2" sehe,
denke ich "eins und eins ist gleich zwei".
Die Ziffer "1" ist also sowas wie die Abkürzung des Wortes "eins".

Man kann während eines Sturzes noch denken "Kopf zur Seite", und man
dreht den Kopf zur Seite, während für eine Begründung "damit dein
Gesicht heil bleit" keine Zeit mehr bleibt.

Manche laufen rum und sprechen aus, was sie gerade denken, "denken
laut". Da das kaum einer macht, hält man sie für verrückt.

Die grauen Massen hielten einen Spruch parat. Der Spruch lautete: "Denke
nie gedacht zu haben, denn das Denken der Gedanken ist gedankenloses
Denken. Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur; aber richtig
denken tust du nie..." An dieser Stelle unterbrach man stets die Arbeit
für ein kurzes Lachen, das wie eine Kaugummiblase platzte und auf den
heillosen Gesichtern kleben blieb...

On 28.12.19 16:02, Filou Soph wrote:
michelthomas (28.12.2019, 20:12)
Wenn sich Einstein scheiden läßt, bleibt Ein Stein; analog zu den
Pfennig Absätzen, die mal zusammen waren.

On 28.12.19 14:28, Merlin wrote:
Filou Soph (29.12.2019, 08:28)
Am 28.12.2019 um 19:00 schrieb michelthomas:

> Die grauen Massen hielten einen Spruch parat. Der Spruch lautete: "Denke
> nie gedacht zu haben, denn das Denken der Gedanken ist gedankenloses
> Denken. Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur; aber richtig
> denken tust du nie..." An dieser Stelle unterbrach man stets die Arbeit
> für ein kurzes Lachen, das wie eine Kaugummiblase platzte und auf den
> heillosen Gesichtern kleben blieb...


Ich wusste es schon im Voraus: Wenn ich irgendwo so intelligente Anal
lysten finden kann, die alle, die Heidegger folgten und noch heute
folgen, als Trottel und ihn selbst überzeugend als Schwafler entlarven,
dann hier.
michel thomas (29.12.2019, 17:50)
- Das Ende des Philosophen -

Der Weg zum Restaurant war nicht sehr weit. (...) Alise betrat das
Lokal, Jean-Sol Partre saß an seinem Stammplatz und schrieb, wie immer.
Das Lokal war voll und es herrschte ein gedämpftes Gemurmel. Wie durch
ein Wunder war am Tisch Jean-Sols ein Platz frei. Alise näherte sich und
setzte sich neben ihn. Sie legte sich ihre schwere Handtasche auf die
Knie und öffnete den Verschluß. Mit einem Seitenblick erkannte sie,
woran er gerade arbeitete: «Encyclopédie, Band 19». Sie legte vorsichtig
eine Hand auf den Arm Jean-Sols; er hielt im Schreiben inne:

«Soweit sind Sie schon?», fragte Alise.
«Ja, ja.», antwortete Jean-Sol. «Sie wollten mich sprechen?»
«Ich wollte Sie dringend bitten, dieses Buch nicht zu veröffentlichen.»,
sagte sie.
«Das wird schwierig. Man wartet schon auf diesen Band.», sagte Jean-Sol
Patre .

Er nahm seine Brille ab, hauchte über die Gläser und setzte sie wieder
auf; jetzt konnte man seine Augen nicht mehr sehen.

«Naja, wenn es weiter nichts ist... Wir werden sehen.»
«Es reicht schon, wenn Sie es erst in zehn Jahren veröffentlichen.»
«Ja?», sagte Jean-Sol Partre.
«Ja.», sagte Alise, «Zehn Jahre, eventuell mehr, wenn's geht. Sie
wissen, es ist besser, die Leute können etwas ansparen, bevor sie das
Buch kaufen...»
«Es wird aber total langweilig sein, das zu lesen», sagte Jean-Sol,
«wenn ich mich beim Schreiben schon so langweile. Jetzt habe ich auch
noch einen Krampf in der Hand; kann das Blatt hier kaum noch festhalten.»
«Tut mir leid für Sie.», meinte Alise.
«Daß ich einen Krampf habe?»
«Nein, daß Sie die Publikation nicht verschieben wollen.»
«Warum?»
«Ich werde es Ihnen erklären.», sagte Alise. «Mein Freund hat all sein
Geld für Ihre Bücher ausgegeben, und jetzt ist er pleite.»
«Man kann doch auch was anderes kaufen.», sagte Jean-Sol Patre, «Ich
kaufe nie eins meiner Bücher.»
«Er ist halt ein Fan Ihrer Sachen.»
«Das ist sein Recht, er hat die Wahl.»
«Aber was zu weit geht, geht zu weit.» sagte Alise, «Und was mich
betrifft, ich habe meine Wahl schon getroffen, ich bin jetzt wieder
ungebunden, denn er will nicht mehr mit mir zusammenleben. Also: Ich
werde Sie töten, wenn Sie sich weigern, Ihre Publikation zu aufzuschieben.»
«Aber Sie nehmen mir damit die Grundlagen für meine Existenz.», gab
Jean-Sol zu bedenken. «Was meinen Sie, wie ich an meine Tantiemen kommen
soll, wenn ich tot bin?»
«Das ist allein Ihr Problem. Ehe ich jetzt über alles Mögliche
nachdenke, bringe ich Sie besser gleich um.»
«Aber Sie stehen mir zur, daß ich den Grund für Ihr Vorhaben nicht
akzeptieren kann?», fragte Jean-Sol.
«Ja, wie Sie wollen.»

Alise öffnete ihre Handtasche und entnahm ihr den Herzausreißer, der die
Tasche so schwer gemacht hatte.
«Würden Sie sich bitte frei machen?» fragte sie.
«Hören Sie, ich finde diese ganze Geschichte idiotisch.», sagte
Jean-Sol, und nahm seine Brille wieder ab.

Er knöpfte sein Hemd auf. Alise konzentrierte sich kurz, und rammte
Patre dann mit aller Kraft den Herzausreißer in die Brust.
Er sah sie kurz noch einmal an, und dann lief ein letztes Erstaunen über
sein Gesicht, als er sah, daß sein Herz die Form eines Tetraeders hatte.
Dann starb er.

Alise wurde ganz blaß: Jean-Sol war tot, und der Tee wurde kalt. Sie
schnappte sich das Manuskript zu «Encyclopédie, Band 19» und zerriß es.
Einer der Kellner kam das Blut aufzuwischen und die ganze Sauerei mit
der Tinte auf dem kleinen rechteckigen Tisch. Sie zahlte die Rechnung,
öffnete den Herzausreißer und ließ das Herz Jean-Sol Patres auf dem
Tisch zurück. Dann klappte sie das glänzende Instrument wieder zusammen
und ließ es zurück in die Tasche gleiten, verließ das Lokal. In der Hand
hielt sie nun eine Schachtel Streichhölzer, die sie Jean-Sol aus der
Tasche gezogen hatte.

__
(Aus: "L'écume des jours" von Boris Vian, Fayard 1996, p.298-301)
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