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Klaus Medeke (30.04.2006, 17:53)
1934 geht Wolfgang Koeppen ins Exil in die Niederlande. 1935 erscheint
bei Bruno Cassirer in Berlin sein zweiter Roman "Die Mauer schwankt".
1939 bringt die Universitas Deutsche Verlags AG "Die Pflicht" heraus.
Es handelt sich dabei offenbar um die 2. Auflage von "Die Mauer
schwankt". Einigen Quellen zufolge wurde der Inhalt von "den
Nationalsozialisten" abgeändert und gegen den Willen Koeppens, der
1938 heim ins Reich gekommen war, unter dem neuen Titel
veröffentlicht. Andere Quellen erwähnen keine Veränderungen am Text.

Weiß jemand genaueres über diesen Vorgang oder hat eine Idee, wo ich
das nachschlagen könnte?

Kennte jemand von Döring "ich stellte mich unter...", das die Zeit
Koeppens zwischen 1933 und 1945 behandeln soll? Wird das dort genauer
ausgeführt?

Vielen Dank & viele Grüße,

Klaus
Marius Fraenzel (30.04.2006, 18:22)
Klaus Medeke wrote:

> Weiß jemand genaueres über diesen Vorgang oder hat eine Idee, wo ich
> das nachschlagen könnte?


Koeppen selbst schreibt dazu 1983:

"In Holland überraschten mich unglaubliche Nachrichten. Aus
der Liquidationsmasse des Cassirer Verlages waren Restbestände der
kleinen Aunage an einen anderen Verlag verkauft worden,
und ohne mein Zutun wurde ihnen für den neuen Vertrieb der
Titel »Die Pflicht« aufgeklebt. Dlese falsche Firmierung
kehrte ins Gegenteil, was ich hatte andeuten und sagen
wollen."
Koeppen: Gesammelte Werke I, S. 165

Danach war es keine eigenständige zweite Auflage, sondern man hat wohl
die exisierenden Buchblöcke unter einer neuen Firmierung und einem
neuen Titel in den Handel gebracht. Koeppen versteht den geänderten
Titel als einen Versuch, den Inhalt des Romans unter eine neue
Deutungsmaxime zu stellen, aber von anderen inhaltlichen Veränderungen
ist nicht die Rede. Solch ein "Umarbeiten" scheint unter den
geschilderten Umständen auch kaum sinnvoll.

Gruß, Marius
Klaus Medeke (30.04.2006, 19:03)
On Sun, 30 Apr 2006 18:22:51 +0200, Marius Fraenzel
<marius.fraenzel> wrote:

>Danach war es keine eigenständige zweite Auflage, sondern man hat wohl
>die exisierenden Buchblöcke unter einer neuen Firmierung und einem
>neuen Titel in den Handel gebracht.


Das stimmt mit einer der Quellen überein, die besagt, dass die Auflage
von Cassirer nicht mehr verkauft werden konnte (der Verlag wurde 1937
von Insel übernommen, Cassirer ging 1938 nach England) und von
Universitas übernommen wurde.

>Koeppen versteht den geänderten
>Titel als einen Versuch, den Inhalt des Romans unter eine neue
>Deutungsmaxime zu stellen, aber von anderen inhaltlichen Veränderungen
>ist nicht die Rede. Solch ein "Umarbeiten" scheint unter den
>geschilderten Umständen auch kaum sinnvoll.


Aber der ganze Vorgang ist doch merkwürdig. Das Werk eines Exilautors,
veröffentlich in einem "jüdischen" Verlag, wird mit neuem Titel (neuer
Einband vermutlich auch, steht auf dem Titelblatt noch der Cassirer
Verlag?) zu einer Zeit veröffentlicht, als die Bibliotheken ihre
Bestände weitgehend den Vorgaben des Regimes angepasst hatten. Selbst
Autoren wie Ewers und Benn hatten zu dieser Zeit Schwierigkeiten,
Texte veröffentlicht zu bekommen (gut, der Letztgenannte hatte wohl
auch kein Interesse mehr). Mal sehen, ob ich in der Bibliothek eine
Verlagsgeschichte des Universitas Verlags auftreiben kann.

Danke für die Information!

Viele Grüße,

Klaus
Marius Fraenzel (30.04.2006, 19:16)
Klaus Medeke wrote:

> Aber der ganze Vorgang ist doch merkwürdig. Das Werk eines Exilautors,
> veröffentlich in einem "jüdischen" Verlag, wird mit neuem Titel (neuer
> Einband vermutlich auch, steht auf dem Titelblatt noch der Cassirer
> Verlag?)


Na, ich denke, man hat Schmutztitel, Titelblatt und Impressum geändert
-- das geht ja wesentlich in einem -- und daher nicht nur den
ursprünglichen Titel, sondern auch die alte Verlagsangabe getilgt.
Aber das ist jetzt eine buchbinderische Spekulation. Wenn Du mehr
herausfindest, gib bitte auch hier Nachricht davon.

Gruß, Marius
Marcel Diel (30.04.2006, 19:26)
Hallo, Klaus!

--- "Klaus Medeke" <kPUNKTmedeke> schrieb:
> Kennte jemand von Döring "ich stellte mich unter...", das die Zeit
> Koeppens zwischen 1933 und 1945 behandeln soll? Wird das dort genauer
> ausgeführt?


Ja, wird es. Döring weist nach, dass Koeppen, der offenbar generell gern
beschönigend über sein Leben fabuliert hat (vgl. die Kontroverse um "Jakob
Littners Aufzeichnungen"), auch in diesem Punkt nicht ganz bei der Wahrheit
geblieben ist: "Erstens erfolgten die Rechteübernahme durch den
Universitas-Verlag und die Titeländerung offenbar schon 1935, noch im Jahr
der Ersterscheinung bei Cassirer. Ein erhaltenes Exemplar von 'Die Pflicht'
im [DLA Marbach] belegt dies. [...] Typographie, Seitenzahl, Zeilenumbruch
sind identisch mit der Cassirerausgabe, nur der Einband ist verändert.
Koeppen selbst hat diese Ausgabe nie erwähnt. Auf welchem Wege sie
zustandekam, lässt sich heute nicht mehr konkret rekonstruieren."
Döring mutmaßt, Koeppen könnte durch seinen Entdecker und Lektor Max Tau,
der durch die Nürnberger Rassegesetze praktisch mit Berufsverbot belegt und
quasi zu Schwarzarbeit genötigt war, zu Universitas 'mitgenommen' worden
sein.
Zweitens geht aus einer Korrespondenz zwischen Koeppen und dem
Literaturkritiker Hermann Ihering hervor, dass Koeppen selbst seinen Roman
ursprünglich mit "Die Pflicht und die Strenge" betitelt hatte und der später
von ihm so vehement verteidigte Titel "Die Mauer schwankt" von Tau stammte.

En detail ist all das nachzulesen bei Döring, S. 128 ff.
(Suhrkamp-Taschenbuchausgabe).

Das Buch kann ich übrigens nur empfehlen - sehr spannend!

Schöne Grüße
Marcel
Marcel Diel (30.04.2006, 19:39)
--- "Marcel Diel" <diel> schrieb:
> Zweitens geht aus einer Korrespondenz zwischen Koeppen und dem
> Literaturkritiker Hermann Ihering


Ähm, der eigentlich "Herbert" heißt...

Abermals rundgegrüßt
Marcel
Hans Altmeyer (30.04.2006, 21:29)
Marius Fraenzel schrieb:
> Klaus Medeke wrote:
> Na, ich denke, man hat Schmutztitel, Titelblatt und Impressum geändert
> -- das geht ja wesentlich in einem --


das klingt plausibel.

Je nachdem, ob und in welcher Form Stehsatz aufbewahrt wurde, wären
allerdings auch noch weitergehende Änderungen möglich gewesen.

Gruß, Hans
Klaus Medeke (01.05.2006, 07:12)
On Sun, 30 Apr 2006 19:16:06 +0200, Marius Fraenzel
<marius.fraenzel> wrote:

>Na, ich denke, man hat Schmutztitel, Titelblatt und Impressum geändert
>-- das geht ja wesentlich in einem -- und daher nicht nur den
>ursprünglichen Titel, sondern auch die alte Verlagsangabe getilgt.


Müsste man nicht den gesamten ersten Bogen verändert haben? Das heißt,
die vorhandenen Exemplare auseinandernehmen, den ersten Bogen
entfernen und mit einem neuen wieder neu binden.

>Wenn Du mehr
>herausfindest, gib bitte auch hier Nachricht davon.


Ich werde mal versuchen, die beiden Ausgaben miteinander zu
vergleichen. Wenn sie sich auftreiben lassen.

Viele Grüße,

Klaus
Klaus Medeke (01.05.2006, 07:12)
On Sun, 30 Apr 2006 19:26:32 +0200, "Marcel Diel"
<diel> wrote:

> "Erstens erfolgten die Rechteübernahme durch den
>Universitas-Verlag und die Titeländerung offenbar schon 1935, noch im Jahr
>der Ersterscheinung bei Cassirer.


Merkwürdig. Wird ein Grund dafür genannt?

>Ein erhaltenes Exemplar von 'Die Pflicht'
>im [DLA Marbach] belegt dies. [...] Typographie, Seitenzahl, Zeilenumbruch
>sind identisch mit der Cassirerausgabe, nur der Einband ist verändert.


Nur der Einband? Also ist die Verlagsangabe auf dem Titelblatt noch
der Cassirer Verlag? Und der Titel "Die Mauer schwankt"?

>Das Buch kann ich übrigens nur empfehlen - sehr spannend!


Schon bestellt! Herzlichen Dank für die Information!

Viele Grüße,

Klaus
Hans Altmeyer (01.05.2006, 12:23)
Klaus Medeke schrieb:
> Müsste man nicht den gesamten ersten Bogen verändert haben? Das heißt,
> die vorhandenen Exemplare auseinandernehmen, den ersten Bogen
> entfernen und mit einem neuen wieder neu binden.


Das hängt davon ab, wie die Seiten auf die Bögen ausgeschossen sind bzw.
bis zu welchen Seiten Vor- und Nachsatz in die Bögen integriert sind.
Das müßte man sich am jeweiligen Exemplar ansehen.

Gruß, Hans
Marcel Diel (01.05.2006, 14:13)
--- "Klaus Medeke" <kPUNKTmedeke> schrieb:
>> "Erstens erfolgten die Rechteübernahme durch den Universitas-Verlag und
>> die Titeländerung offenbar schon 1935, noch im Jahr der Ersterscheinung
>> bei Cassirer.

> Merkwürdig. Wird ein Grund dafür genannt?


Nein, nur die Mutmaßung, dass es mit dem Ausscheiden Max Taus aus dem
Cassirer-Verlag zusammenhängen könnte. Tau selbst äußert sich dazu in seinen
Memoiren jedoch nicht - oder besser gesagt: nicht eindeutig. Dort heißt es
lediglich: "Mein Freund Paul von Bergen, Vorstand des Universitas-Verlages,
beschäftigte mich heimlich. Frühmorgens kam er zu mir, und wir überlegten,
welche Bücher er herausgeben sollte." (Max Tau: Das Land, das ich verlassen
mußte. Hamburg 1961, S. 268.)
Damit ist unzweifelhaft auch die Rettung von Teilen des Programms des
Cassirer-Verlags gemeint, der, weil Bruno Cassirer aufgrund der Nürnberger
Gesetze das Unternehmen nicht weiterführen durfte, es aber offenbar auch
nicht verkaufen wollte, 1936 geschlossen wurde. Dörings Hypothese scheint
mir daher nicht zu weit hergeholt zu sein.

>>Ein erhaltenes Exemplar von 'Die Pflicht' im [DLA Marbach] belegt dies.
>>[...] Typographie, Seitenzahl, Zeilenumbruch sind identisch mit der
>>Cassirerausgabe, nur der Einband ist verändert.

> Nur der Einband? Also ist die Verlagsangabe auf dem Titelblatt noch der
> Cassirer Verlag? Und der Titel "Die Mauer schwankt"?


Nein, der Titel lautet bereits "Die Pflicht". Döring dazu weiter: "In der
Titelei heißt es: 'Früher erschien dieses Buch unter dem Titel 'Die Mauer
schwankt'.'" Online überprüfen lässt sich das nicht, aber, falls Du mal nach
Marbach kommen solltest, hier die Signatur des Exemplars, auf das Döring
anspielt: Sammlung Badenhop, B 1206.

Schöne Grüße
Marcel
Klaus Medeke (05.05.2006, 14:25)
On Sun, 30 Apr 2006 17:03:44 GMT, kPUNKTmedeke (Klaus Medeke)
wrote:

>Das stimmt mit einer der Quellen überein, die besagt, dass die Auflage
>von Cassirer nicht mehr verkauft werden konnte (der Verlag wurde 1937
>von Insel übernommen, Cassirer ging 1938 nach England) und von
>Universitas übernommen wurde.


Eine Ergänzung dazu:

1936 wird den jüdischen Verlegern die Mitgliedschaft in der
Reichsschrifttumskamer entzogen, was einem Publikationsverbot
gleichkommt. Im Dezember 1938 verlässt Cassirer Deutschland.
"Buchbestände und Verlagsrechte gehen nun an Kollegen, von deren
Integrität Cassirer überzeugt ist. Unter ihnen ist Walter Kahnert vom
Herbig-Verlag, Henry Goverts, Eugen Claassen, Paul List und auch der
Insel-Verlag." (Harry Nutt: Bruno Cassirer. Berlin 1989, S. 109)

Die Übernahme von Koeppens "Die Mauer schwankt" durch den
Universitas-Verlag scheint also andere Gründe gehabt zu haben.

Viele Grüße,

Klaus
Klaus Medeke (10.05.2006, 16:55)
On Sun, 30 Apr 2006 15:53:14 GMT, kPUNKTmedeke (Klaus Medeke)
wrote:

>1934 geht Wolfgang Koeppen ins Exil in die Niederlande.


Ein bisschen grotesk mutet das schon an. Döring (Dank an Marcel Diel
für den Hinweis, das Buch ist wirklich sehr interessant!) hält es für
nicht unwahrscheinlich, dass Koeppen 1934 in die Niederlande ging,
weil er in Berlin eine Affäre mit der Frau eines hohen SS-Bonzen hatte
und fürchtete, dass das böse für ihn ausgehen könnte. Er folgte einer
jüdischen Familie, bei der er seinen ersten Roman geschrieben hatte
und die in die Niederlande emigriert war. Er lebte in ihrem Haus,
wurde von ihnen finanziell unterstützt und schrieb seinen zweiten
Roman, der dann 1935 bei Cassirer erschien. Im selben Jahr wurde er,
neben anderen, in der "Sammlung" dafür angegriffen, dass er als
ehemaliger Linksradikaler sich nicht auf die Seite des Exils
geschlagen hätte. Offenbar war sein Umzug unbemerkt geblieben.
Allerdings glaubte Koeppen jetzt, dass er nicht mehr nach Deutschland
zurückkehren könne, weil in diesem Artikel einige Veröffentlichungen
z.B. in der "Roten Fahne" erwähnt worden sind. So blieb er bis 1938
und kehrte erst dann zurück (im selben Jahr verließ Max Tau, sein
Förderer, Deutschland).

Heute lese ich noch folgendes dazu:

"1938 kehrte Koeppen nach Berlin zurück. Den deutschen Behörden war
sein Exil entgangen, da Koeppen durch eine bürokratische
Nachlässigkeit kontinuierlich bei einer Tante im holsteinischen
Rheinfeld gemeldet war." (Sarkowicz/Mentzer: Literatur in
Nazi-Deutschland. Europa Verlag, Hamburg/Wien 2000, S. 238)

Ist das tragisch oder grotesk? Da verbringt einer 4 Jahre im Ausland
und keiner, weder Freund noch Feind, merkt etwas davon.

Viele Grüße,

Klaus
Klaus Medeke (12.05.2006, 13:01)
On Sun, 30 Apr 2006 19:16:06 +0200, Marius Fraenzel
<marius.fraenzel> wrote:

>Na, ich denke, man hat Schmutztitel, Titelblatt und Impressum geändert
>-- das geht ja wesentlich in einem -- und daher nicht nur den
>ursprünglichen Titel, sondern auch die alte Verlagsangabe getilgt.
>Aber das ist jetzt eine buchbinderische Spekulation. Wenn Du mehr
>herausfindest, gib bitte auch hier Nachricht davon.


Auf dem Titelblatt steht die Universitas Verlags-Aktiengesellschaft
Berlin ohne Jahresangabe. Das Impressum lautet: Copyright 1935 by
Bruno Cassirer.

Weitere Angaben: Bisher erschien das Buch unter dem Titel: Die Mauer
schwankt. Neue wohlfeile Ausgabe. Druck der Offizin Haag-Drugulin in
Leipzig. Verlagsnummer 216.

Viele Grüße,

Klaus
Klaus Medeke (12.05.2006, 13:01)
On Mon, 1 May 2006 14:13:28 +0200, "Marcel Diel"
<diel> wrote:

> falls Du mal nach
>Marbach kommen solltest, hier die Signatur des Exemplars, auf das Döring
>anspielt: Sammlung Badenhop, B 1206.


In der Frankfurter Universitätsbibliothek gibt es auch ein Exemplar,
das ich heute einsehen konnte, mit der Signatur Wm 4320.

Viele Grüße,

Klaus
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