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Ralph Aichinger (19.05.2019, 20:13)
Was meint ihr zum Time-Cover?



Time hat ja offenbar keinen Aufwand gescheut, und mit Hellen
van der Meene eine der bedeutendsten lebenden Portrait-
fotgrafen beauftragt, sicher nicht zufällig, Junge Mädchen
sind ihre Spezialität, sehr oft prinzessinengleich
abgebildet:



Die Location ist anscheinend in Gamla Stan, der Altstadt von
Stockholm, wo es sichere malerischere Ecken gibt (vermutlich
muß man sich anstrengen dort so schäbig wirkenden Beton zu
finden), und daher sicher bewußt gewählt.

Das Licht ist natürlich sehr bedacht gewählt, sowohl das auf
Greta als auch das rhytmische Hell-Dunkel der Säulen. Sicher
auch kein Zufall, daß die Verlängerung der Linie die die
Säulenoberseiten bilden zum Kopf von Greta Thunberg hinführen.

Das von van der Meene gewählte Kleid (auf dem "making of"
sieht man sie einen ähnlichen Rock tragen) macht dieses Bild
natürlich anders als alle anderen Bilder von Thunberg, irgendwo
zwischen Ariostokratenportrait und Heiligenbild, mit Faltenwurf
wohin man schaut. Drunter schauen keck die blauen Turnschuhe
heraus. Thunberg sitzt in einem Lichtfleck zwischen zwei
Säulen, der ausschaut als hätte man einen Scheinwerfer
auf sie gerichtet.

Ich denke, man sieht dem Bild an, daß es eine Meisterin
gemacht hat, wenn man genauer hinsieht. Auf den ersten
Blick ist da ein Widerspruch zwischen dem fast schmuddeligen
Hintergrund und der strengen Klassischen Pose und Aufmachung von
Thunberg.

Wie seht ihr das? Gelungen?

/ralph
Juergen Thome (19.05.2019, 20:54)
Ralph Aichinger <ra> wrote:
[..]
> Hintergrund und der strengen Klassischen Pose und Aufmachung von
> Thunberg.
> Wie seht ihr das? Gelungen?


Ich merke, dass ich diese Foto nicht unbefangen betrachten kann. Das hat
nichts mit der Technik oder der Anmutung der Aufnahme zu tun.

Ausserdem sehe ich hier ein Kind, das man der Öffentlichkeit vielleicht
nicht so präsentieren sollte.

Und wenn, muss die Frage erlaubt sein, was bewirkt es? Bei Freund und
Feind. Was soll da noch kommen in ihrem Leben? Sie ist keine Eisprinzessin
und kein angehendes Modell für Manufactum sondern eine politische Person
mit einer politischen Agenda.

Hier wird sie inszeniert als Jeanne d'Arc der Weltenrettung. Jungfrau und
Heilige.

Das mal so dahinasoziiert.

Gruß
Jürgen
Thomas Krenzel . (19.05.2019, 21:03)
Am 19.05.2019 um 20:13 schrieb Ralph Aichinger:
> Wie seht ihr das? Gelungen?


Ja klar ist das gelungen, es ist aber auch nur ein Foto, und ich
bezweifle das da sooo viel Planung drin steckt wie Du vermutest.

Da steckt viel Erfahrung drinne, das Bild *genau so* zu machen, aber das
hat Frau Meene (wer ist das?) sicher lange üben können. So schwer ist es
nicht ein wenig den Raum mit einzubeziehen, das Bild geometrisch zu
komponieren und so.

Ich glaube nicht das es schwierig ist so ein Foto zu machen, wenn man
die Location hat und das Modell, es ist eben so bei Menschen die sich
einem Thema stellen und dann damit arbeiten.

Das soll das nicht abwerten, keinesfalls.

Aber ich finde das da mit großer Vorsicht rangegangen werden muß, es ist
wichtig sich zu überlegen welche Intention bestand und was aus so einem
Foto dann gemacht wird. Ich finde auch den Aufmacher des Magazins
irritierend: Next Genaeration Leaders | Greta Thunberg

Hat das einen Zusammenhang?

Nur mal als Beispiel, ich finde mein Zeh-und-Ah-Foto hier ganz gut
und zwar nicht nur weil meine Tochter hinter
dem Vorhang steht. Hätte ich wirklich konzentriert gearbeitet, dann
hätte ich den Moment abgewartet als sie den Kopf heraussteckte. Oder
hätte sie angewiesen das zu tun. Noch einfacher geht sowas bei einem
lange geplanten Fototermin, mit Assi, und einem Teenager der nicht den
eigenen Vater anzicken muss. Und das Bild ist *bewusst genau so gedacht*
gestaltet, genau so gewollt. Das original sieht fast genauso aus, nur in
bunt.

Gutes Foto, oder Sentimentalität also?

Greta? Gut benutzt von Frau Meene/Timemagazine?

Ich finds übrigens gut das Du alle paar Jahre solche Fragen stellst!
Das trainiert und ist mal was anderes als sonst, hierzugroup.

Thomas
Eric Bruecklmeier (20.05.2019, 09:20)
Am 19.05.2019 um 20:13 schrieb Ralph Aichinger:
> Was meint ihr zum Time-Cover?


Jenseits aller politischen Aussage finde ich das Bild nicht geglückt,
für mich sieht das aus, als würde sie - nunja - auf dem Topf sitzen...
Jochen Petry (20.05.2019, 12:09)
Am 19.05.2019 um 20:13 schrieb Ralph Aichinger:
[..]
> heraus. Thunberg sitzt in einem Lichtfleck zwischen zwei
> Säulen, der ausschaut als hätte man einen Scheinwerfer
> auf sie gerichtet.


Eine gekonnte Inszenierung.
Um die Zeitschrift besser zu verkaufen.

> Ich denke, man sieht dem Bild an, daß es eine Meisterin
> gemacht hat, wenn man genauer hinsieht. Auf den ersten
> Blick ist da ein Widerspruch zwischen dem fast schmuddeligen
> Hintergrund und der strengen Klassischen Pose und Aufmachung von
> Thunberg.
> Wie seht ihr das? Gelungen?


Ohne die Verkaufszahlen der betreffenden Time Ausgabe zu kennen ist eine
fundierte Aussage nicht möglich.

Bis dähmnäxt
jochen
Gregor Szaktilla (21.05.2019, 18:14)
Ralph Aichinger schrieb:
> ... Thunberg sitzt in einem Lichtfleck zwischen zwei
> Säulen, der ausschaut als hätte man einen Scheinwerfer
> auf sie gerichtet.


Das mit dem Scheinwerfer halte ich für sicher. Die Kontraste an/um Greta
Thunberg sind härter und das Licht heller als zwischen den hinteren Säulen.

> ... Gelungen?


Auf jeden Fall.

Gruß

Gregor

PS: Was macht die Velo-Beschriftung?
Michael Quack - Visual Pursuit (21.05.2019, 19:23)
On 19.05.2019 20:13, Ralph Aichinger wrote:
> Was meint ihr zum Time-Cover?
>
> Time hat ja offenbar keinen Aufwand gescheut, und mit Hellen
> van der Meene eine der bedeutendsten lebenden Portrait-
> fotgrafen beauftragt, sicher nicht zufällig, Junge Mädchen
> sind ihre Spezialität, sehr oft prinzessinengleich
> abgebildet:
>


Sie reitet eine manieristische Masche.
Das macht sie nicht zwingend zu einer bedeutenden Fotografin.
Ein möglicherweise teuer verkauftes One-Trick-Pony, Welten
von der Vielseitigkeit im Ausdruck einer Annie Leibovitz entfernt.
Das was sie macht, macht sie gut, aber ich finde es ziemlich
eindimensional.

Was ich so auf den ersten Suchergebnissen bei Google gefunden
habe weist bei allem Manierismus oft technische Mängel auf und
ist häufig unmotiviert beschnitten.

> Die Location ist anscheinend in Gamla Stan, der Altstadt von
> Stockholm, wo es sichere malerischere Ecken gibt (vermutlich
> muß man sich anstrengen dort so schäbig wirkenden Beton zu
> finden), und daher sicher bewußt gewählt.


Oder es war das was in den 10 Minuten Timeslot verfügbar war.
Ein öffentliches Gebäude, eine Mehrzweckhalle in der sie
gesprochen hat vielleicht.

Vielleicht hast Du von Gamla Stan aber auch das falsche Bild?


> Thunberg sitzt in einem Lichtfleck zwischen zwei
> Säulen, der ausschaut als hätte man einen Scheinwerfer
> auf sie gerichtet.


Es scheint da einige ziemlich enge Gassen zu geben.
Im Zweifel scheint direkte Sonne durch einen Torbogen,
und die anderen werden von einem Gebäude abgeschattet.
Der Lichteinfall ist dort auch deutlich unschärfer begrenzt.

Wenn das die Location wäre (ist sie nicht), dann wäre
auch nur im linken Fenster direktes Licht.

> Wie seht ihr das? Gelungen?


Handwerklich sauber. Ohne den Ruhm der Portraitierten
jedoch ein Kandidat für schnelles Vergessen.
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