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Stefan Schmitz (26.01.2020, 18:30)
Laut Gesetz hat ein ALG-II-Empfänger Anspruch auf Erstattung der Kosten für einen
notwendigen Umzug. Notwendig kann auch ein Umzug zwecks Aufnahme einer Arbeit
sein.

Hat jemand hier Erfahrung, wie sich die Jobcenter in solchen Fällen praktisch
verhalten? Bei der Frage, ob ein Umzug für einen bestimmten Job notwendig ist,
besteht ja einiger Interpretationsspielraum. Der Umzug könnte immer für
notwendig befunden werden, wenn die Arbeitsstelle außerhalb der üblichen
Pendelentfernung liegt. Es könnte allerdings auch von Mindestanforderungen an
Bezahlung und Arbeitszeit abhängig gemacht werden. Oder davon, ob es keinen
vergleichbaren Job in der Nähe gibt. Auch könnte die Notwendigkeit bezweifelt
werden, wenn es neben dem Job noch private Gründe gibt, aus denen der Umzug für den Betroffenen vorteilhaft ist.
Heiko Wetteborn (26.01.2020, 19:09)
Hallo Stefan,

Am 26.01.2020 um 17:30 schrieb Stefan Schmitz:
> Laut Gesetz hat ein ALG-II-Empfänger Anspruch auf Erstattung der Kosten für einen
> notwendigen Umzug. Notwendig kann auch ein Umzug zwecks Aufnahme einer Arbeit
> sein.


Richtig, und manchmal sogar erforderlich.

> Hat jemand hier Erfahrung, wie sich die Jobcenter in solchen Fällen praktisch
> verhalten? Bei der Frage, ob ein Umzug für einen bestimmten Job notwendig ist,
> besteht ja einiger Interpretationsspielraum. Der Umzug könnte immer für
> notwendig befunden werden, wenn die Arbeitsstelle außerhalb der üblichen
> Pendelentfernung liegt. Es könnte allerdings auch von Mindestanforderungen an
> Bezahlung und Arbeitszeit abhängig gemacht werden. Oder davon, ob es keinen
> vergleichbaren Job in der Nähe gibt. Auch könnte die Notwendigkeit bezweifelt
> werden, wenn es neben dem Job noch private Gründe gibt, aus denen der

Umzug für den Betroffenen vorteilhaft ist.
Nun hier kann ich nur aus meiner Erfahrung von meinem Jobcenter
Alfeld(Leine) sprechen, was natürlich keinen Anspruch auf
Allgemeingültigkeit hat.

Wenn das Jobcenter selbst verlangt, dass ein Umzug erforderlich ist,
steht außer Frage, dass es die Umzugskosten bezahlt. Hierbei ist es
völlig egal, aus welchem Grund der Umzug erforderlich scheint.
Meistens ist in diesem Fall die angemietete Wohnung zu teuer. Das
hiesige Jobcenter wird keinen Umzug wegen Arbeitsaufnahme verlangen.

Liegt der Arbeitsplatz außerhalb der üblichen Pendelentfernung, was hier
ca. 1,5 Stunden pro Richtung sind, wird ein Umzug nur bezahlt, wenn gute
Gründe vorgebracht werden. Ein guter Grund kann hier z. B. eine
Schwerbehinderung sein.

Ein weiterer Grund kann der ÖPNV sein. Lebst Du z. B. in einem kleinen
Ort, in dem der erste Bus erst um 6 Uhr fährt, Du aber um 7 Uhr nach 1,5
Stunden Arbeitsweg am Arbeitsplatz sein musst, wird der Umzug bezahlt.
Und das sogar unabhängig von der Wochenarbeitszeit.

Ein Umzug wird hingegen nur sehr selten bezahlt, wenn ein Halbtagsjob
angetreten wird, dessen Arbeitsbeginn z. B. um 13 Uhr ist und um 18 Uhr
endet. Hier sagt unser Jobcenter, dass kein Umzug erforderlich ist, weil
Du mit dem ÖPNV rechtzeitig zur Arbeit kommst. Dass der letzte Bus in
Deinem kleinen Ort um 18:30 Uhr fährt, ist irrelevant. Den Rest der
Strecke vom Bahnhof nach Hause kannst Du mit dem Taxi erledigen.
Unlogisch, aber wahr.

Ein Umzug aus persönlichen Gründen kann durchaus bezahlt werden, wenn z.
B. der Ehepartner einen Job in einer anderen Stadt hat und ihr deshalb
dauernd getrennt leben müsst, obwohl ihr verheiratet seid. Erhält der
Ehepartner neben dem Einkommen noch ergänzendes ALG2, unterstützt das
Jobcenter in der Regel den Umzug, weil dadurch Kosten gespart werden (z.
B. nur noch eine statt zwei Wohnungsmieten).

Mal ein Beispiel aus meiner persönlichen Erfahrung:
Ich wohne in einem kleinen Dorf. Der erste Bus fährt morgends um 06:00 Uhr.
Nach Hildesheim, ca. 25 km Luftlinie entfernt, dauert es mit dem ÖPNV
bis zum nächsten Bahnhof 44 Minuten. Am Bahnhof 10 Minuten warten, dass
der Zug kommt. Mit dem Zug 2 mal umsteigen und um 08:17 Uhr in
Hildesheim am Bahnhof.
Fazit: Der Umzug wird vom Jobcenter bezahlt, weil Arbeitsbeginn um 7 Uhr
ist.

Beispiel 2:
Arbeitsaufnahme in 3 Minuten Entfernung zum Hauptbahnhof Hannover.
Arbeitsbeginn um 08:00 Uhr.
Um 06:30 Uhr in den Bus, dann um 07:18 in den Zug. Der Zug ist um 07:59
Uhr in Hannover Hauptbahnhof. Am Arbeitsplatz bin ich um 08:07 Uhr.
Fazit: Der Umzug wird nicht bezahlt, weil 1,5 Stunden Arbeitsweg
zumutbar ist. Dass ich jeden Morgen 7 Minuten zu spät bin, ist nicht von
Interesse, diese Zeit muss ich zu Feierabend nacharbeiten.

Wie gesagt, so verhält sich das Jobcenter Alfeld(Leine), welches dem
Jobcenter Hildesheim unterstellt ist. Dieses wiederum würde mir in
beiden Fällen einen Umzug in die Nähe meines Arbeitsplatzes bezahlen.

Gruß
Heiko
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