expertenaustausch > etc.* > etc.beruf.selbstaendig

Marc Haber (04.01.2016, 11:25)
Harald Friis <HaraldFriis> wrote:
>Am 30.12.2015 um 13:41 schrieb Rüdiger Silberer:
>> Am 30.12.2015 schrieb Olaf Barheine:
>> >und ein paar hundert
>>> oder vielleicht tausend Freelancer, die womöglich bald ihren
>>> Freiberuflerstatus verlieren, wenn sie so weitermachen.

>wenn es überhaupt auch nur einen gibt - was zu beweisen wäre.


Ich denke es spricht bände, dass sich die für die Freiberufler
schlechten Ergebnisse der Statusfeststellungsverfahren in den letzten
fünf Jahren von 13 % auf über 40 % geändert haben.

Es ist einfach doof, dass die Sozialversicherung den Status als
"sozialversicherungspflichtig angestellt" an so untauglichen Kriterien
wie "hat einen Schreibtisch beim Kunden" festmachen. Und eine
Katastrophe, dass der Gesetzgeber vorhat, diese bereits als untauglich
nachgewiesenen Kriterien jetzt im BGB zu versenken.

>Es gibt zwei Gruppen, denen ein besonderes Maß an Egozentrismus
>innewohnt: Journalisten und ITler.


Es geht halt nix über ein gesund gepflegtes Vorurteil.

>Auch ITler, dieser Thread ist ein Prototyp dafür, nehmen sich in einem
>Maße wichtig, das auch seinesgleichen sucht. Jetzt soll also eine
>Regelung die freien IT-Berater ganz besonders heftig erwischen?


Weil mein Geschäft durch den Entwurf des 611 a BGB sehr viel
schwieriger als ein freiberufliches Geschäft einzustufen ist.

>Es geht
>bei den vorgeschlagenen Änderungen um eine Überlassungshöchstdauer bei
>Arbeitnehmerüberlassung, um Equal Pay, um so genannte verdeckte
>Überlasssung, um Streikbrecher, um Mitwirkungsrechte vom BR etc. Alle
>diese Regelungen haben mit freien IT-Beratern exakt nichts zu tun.


Das Problem ist einzig der neue 611 a BGB.

>Eine der vorgeschlagenen Änderungen fasst die Rechtsprechung zum Thema
>Scheinselbständigkeit zusammen.


Die Rechtsprechung sollte aber nicht als Grundlage für ein
Gesetzgebungsverfahren dienen.

>Die vorgeschlagenen Änderungen und insbesondere die Platzierung im BGB
>kann man selbstverständlich kritisieren, aber daraus einen Angriff,
>einen 'Krieg' ausgerechnet gegen 'selbständige ITler' zu konstruieren,


De facto kann ich mir keinen Zweig freiberuflicher Tätigkeit
vorstellen, den der neue 611 a BGB so heftig erwischen wird wie
meinen. Das mag durch meine Sichtweise beeinflusst sein, aber
nirgendwo liest man von anderen Zweigen, und auch in diesem Thread hat
niemand die Hand gehoben und hat ebenfalls gesagt, dass ihm die
Gesetzesänderung in der Größenordnung von 20 % des Einkommens kosten
wird. Das sind alles ITler.

>Die Änderungen richten sich ganz besonders nicht gegen selbständige
>ITler, sondern gegen diejenigen, die gar nicht selbständig sind.


Ich bin seit über 20 Jahren in meinem Geschäft selbständig[1]. Und
mich wird es erwischen. Ich weiß, dass Du jetzt kommen wirst, dass ich
gar nicht selbständig bin. Ich sehe das aber deutlichst anders.

>> Ja eben, die ihre freie Berufsausübung verlieren, nur weil eine
>> SPD-Ministerin nicht weiß was sie treibt.

>Ist klar, die Anderen wissen ja nie, was sie treiben. Dumm nur, dass bei
>der letzten Wahl 95,2% der Wähler nicht verstanden haben, wie
>segensreich deine Partei gewirkt hat.


Interessant. Was ist denn meine Partei?

Grüße
Marc

[1] drei Jahre im echten Angestelltenverhältnis und vier Jahre als
GmbH-Geschäftsführer ohne Mehrheit in der Gesellschafterversammlung
mal ausgenommen
Marc Haber (04.01.2016, 11:30)
Harald Friis <HaraldFriis> wrote:
>Am 22.12.2015 um 19:31 schrieb Marc Haber:
>Eben. Also ist in beiden Fällen eine Festanstellung nicht sinnvoll.


Das gilt bei mir genauso. Nichtsdestotrotz möchte Frau Nahles, dass
ich in Zukunft mit einem sozialversicherungspflichtigen
Angestellten-Zeitvertrag arbeite, was für mich die Nachteile der
Selbständigkeit mit den Nachteilen des Angestelltendaseins kombinieren
wird.

>>>Das ist eine Null-Aussage.

>> Nö.

>Stimmt, genau genommen lieferst du damit ein weiteres Argument gegen
>eine Klassifizierung als Angestellter. Also bist du noch sicherer, dass
>es dich nicht trifft.


Nach den neuen Kriterien wird es mich treffen.

>Ja, das ist ein generelles Problem von Unsicherheit. Menschen haben
>schon Vermögen verloren oder gewonnen (z.B. an der Börse) - wegen
>Unsicherheiten. Dagegen helfen dann in der Tat (u.U.) klare
>Verhältnisse. Die Statusfeststellung wäre ein solcher Weg.


Die müsste ich doch für jedes Projekt neu durchführen, oder? Wie lange
dauert sowas?

>Wenn nach deiner Aussage die Chance > 0,5 beträgt, ist das doch nicht
>schlecht. Da du nach eigener Aussage nicht weisungsgebunden arbeitest,
>eine Mehrzahl von Auftraggebern hast und mit einer Technik unterwegs
>ist, bei der ein "Dings" von dir aufgebaut, dann aber nicht mehr
>betrieben wird, sollte es recht einfach sein, die DRV zu überzeugen. Die
>sind dort weder bösartig noch weltfremd.


Eine Mehrzahl von Auftraggebern habe ich, wenn man einen
Fünfjahreszeitraum betrachtet. Guckt man auf das Kalenderjahr, istes
nicht selten nur einer.

Und dummerweise ist ein Kunde von mir derartig von mir begeistert,
dass er mich immer und immer wieder beauftragt und _sehr_ gut zu
bezahlen bereit ist. Es wäre sehr schade, wenn ich seine Aufträge
nicht mehr annehmen könnte.

>Mit dieser Statusfeststellung (deren Stellenwert durch den
>Referentenentwurf noch erhöht werden soll) kannst du dann deine
>Auftraggeber beruhigen.


Oder mich ruinieren.

>Der 'Krieg' der Frau Nahles ist also bei genauer Betrachtung eine
>Überreaktion von einigen deiner Kunden. Die Rentenversicherungspflicht
>für Selbständige ist bei genauer Betrachtung keine (- sondern ggf. eine
>Klassifizierung als nicht selbständig). Eine solche Klassifizierungals
>nicht selbständig ist bei genauer Betrachtung eher unwahrscheinlich,
>weil die zentralen Kriterien für eine Angestelltentätigkeit von dir
>nicht erfüllt werden.


Ob es eine direkte oder indirekte Folge des Referentenentwurfs ist,
interessiert mich nicht. Der alleine in 2015 satt fünfstellige Schaden
ist da.

Grüße
Marc
Marc Haber (04.01.2016, 11:34)
Rüdiger Silberer <Usenet> wrote:
>Am 28.12.2015 schrieb Marc Haber:
>Ich wiederhole mich gerne, die Senkung der USt auf Übernachtungen war
>eine Forderung aller im bay. Landtag vertretenen Parteien, also SPD
>Grüne und CSU.
>Durchgesetzt hat diese USt-Senkung in den Koalitionsverhandlungen
>seinerzeit die CSU.


mit Unterstützung der FDP. Dass die CSU nicht ernstzunehmen ist,
wusste ich schon vorher.

Bitte verstehe mich nicht falsch, ich halte sehr viel vom Liberalismus
und bin der Meinung, dass der Abgang der FDP aus der deutschen Politik
der 2010er-Jahre ein schmerzhaftes Loch hinterlassen hat. Aber sie hat
alles dafür getan, ihren Abgang zu unterstützen. Schade.

>Die unsinnige Förderung der Photovoltaik dient nur dazu, das Geld vom
>normalen Stromverbraucher in die Taschen der grünen Gutverdiener
>umzuleiten. Das nennt man Lobbypolitik.


Warum sollte Lobbypolitik nicht auch ausnahmsweise mal zu meinen
Gunsten passieren?

Grüße
Marc
Thomas Grund (04.01.2016, 14:39)
Marc Haber wrote:
> Ich denke es spricht bände, dass sich die für die Freiberufler
> schlechten Ergebnisse der Statusfeststellungsverfahren in den letzten
> fünf Jahren von 13 % auf über 40 % geändert haben.


Damals wollte man die Arbeitslosenstatistik beschönigen, heute den
Kontostand der Rentenkasse. Sonst hat sich nicht geändert.

In der aktuellen "Finanztest" werden die Kriterien so zusammengefasst:

1.) trägt kein unternehmerisches Risiko.

Ich trage das Risiko, im Krankheitsfall nichts zu verdienen. Ich trage
das Risiko, nicht aus gesundheitlichen Gründen in Frührente gehen zu
können. Ich trage das Risiko, im Falle eines Fehlschlags sogar haftbar
gemacht zu werden. Ich trage das Risiko, nicht unterbrechungsfrei
beschäftigt zu sein.

2.) ist in den täglichen Betriebsablauf integriert.

Wie jeder Handwerker komme ich meinem Kunden da entgegen. Warum sollte
ich mich da wehren?

3.) arbeitet in den Räumen des Auftraggebers.

Das macht ein selbständiger Bodenleger auch. Wenn ein Maurer mehrmals
kommt, dann lässt er sogar den Betonmischer nachts beim Kunden stehen.
Skandal!

4.) muss Weisungen folgen.

Das muss ein Selbständiger genauso wenig wie ein Angestellter, wenn er
den Job nicht behalten will. Natürlich kann ein selbständiger
Küchenbauer die Küchenzeile auch im Flur einbauen. Nur wird er dann
wenig Freude mit dem Kunden haben.

Das Problem mit o.g. Punkten ist, dass sie sich nicht so einfach
anwenden lassen, wenn die selbständige Tätigkeit nicht stunden- oder
tageweise ausgeübt wird, sondern über Wochen oder Monate. Es gibt
definitiv Scheinselbständigkeit in unseren Reihen, aber sie lässt sich
mit diesen Kriterien nicht greifen.

Thomas
Lutz Schulze (04.01.2016, 16:12)
Am Mon, 4 Jan 2016 13:39:59 +0100 schrieb Thomas Grund:

> Das Problem mit o.g. Punkten ist, dass sie sich nicht so einfach
> anwenden lassen, wenn die selbständige Tätigkeit nicht stunden- oder
> tageweise ausgeübt wird, sondern über Wochen oder Monate. Es gibt
> definitiv Scheinselbständigkeit in unseren Reihen, aber sie lässt sich
> mit diesen Kriterien nicht greifen.


Eigentlich zielte das Vorgehen gegen Scheinselbständigkeit ursprünglich auch
gegen solche Beschäftigungsverhältnisse wie die der Paketfahrer, die bisher
angestellt waren, sich plötzlich aber als 'Selbständige' auf derselben Tour
wiederfanden.

Pragmatisch wäre z.B. Beschäftigungen mit Vergütungen oberhalb der
Bemessungsgrenzen der Sozialversicherungen von dem Verdacht auszunehmen. Das
würde das Risiko für den Auftraggeber sofort beseitigen, und von Ausbeutung
und Dumping kann in dem Fall ja wohl kaum eine Rede sein.

Lutz
Rüdiger Silberer (04.01.2016, 16:42)
Am 04.01.2016 schrieb Marc Haber:

> Rüdiger Silberer <Usenet> wrote:
> mit Unterstützung der FDP. Dass die CSU nicht ernstzunehmen ist,
> wusste ich schon vorher.


Mit Recht, denn diese Förderung hat dem Tourismus- und
Übernachtungsgewerbe ganz außerordentlich gut getan. Der Wettbewerb
gegenüber den Hotels und Pensionen beispielsweise in Österreich war doch
durch die unterschiedlichen Steuersätze arg verzerrt.

> Bitte verstehe mich nicht falsch, ich halte sehr viel vom Liberalismus
> und bin der Meinung, dass der Abgang der FDP aus der deutschen Politik
> der 2010er-Jahre ein schmerzhaftes Loch hinterlassen hat. Aber sie hat
> alles dafür getan, ihren Abgang zu unterstützen. Schade.


Dann sollte man aber auch richtige Kritik anbringen und nicht
verleumderische Parolen nachbeten.

>>Die unsinnige Förderung der Photovoltaik dient nur dazu, das Geld vom
>>normalen Stromverbraucher in die Taschen der grünen Gutverdiener
>>umzuleiten. Das nennt man Lobbypolitik.

> Warum sollte Lobbypolitik nicht auch ausnahmsweise mal zu meinen
> Gunsten passieren?


Weil ich sie bezahlen muß.
Marc Haber (04.01.2016, 17:47)
Thomas Grund <tom.grund> wrote:
>Das Problem mit o.g. Punkten ist, dass sie sich nicht so einfach
>anwenden lassen, wenn die selbständige Tätigkeit nicht stunden- oder
>tageweise ausgeübt wird, sondern über Wochen oder Monate. Es gibt
>definitiv Scheinselbständigkeit in unseren Reihen, aber sie lässt sich
>mit diesen Kriterien nicht greifen.


Exakt so ist es. Wenn man langfristig in einem Projekt tätig ist, ist
das (a) völlig normal (b) Kundenbindung und (c) Ausdruck der
Zufriedenheit des Kunden mit der Dienstleistung.

Grüße
Marc
Marc Haber (04.01.2016, 17:48)
Lutz Schulze <lschulze> wrote:
>Am Mon, 4 Jan 2016 13:39:59 +0100 schrieb Thomas Grund:
>Eigentlich zielte das Vorgehen gegen Scheinselbständigkeit ursprünglich auch
>gegen solche Beschäftigungsverhältnisse wie die der Paketfahrer, die bisher
>angestellt waren, sich plötzlich aber als 'Selbständige' auf derselben Tour
>wiederfanden.


Genau.

>Pragmatisch wäre z.B. Beschäftigungen mit Vergütungen oberhalb der
>Bemessungsgrenzen der Sozialversicherungen von dem Verdacht auszunehmen.Das
>würde das Risiko für den Auftraggeber sofort beseitigen, und von Ausbeutung
>und Dumping kann in dem Fall ja wohl kaum eine Rede sein.


Richtig. Es gibt aber durchaus Personen, die unterstellen, der
Gesetzgeber würde die durch die schwammige Formulierung entstehenden
drastischen Mehreinnahmen der Rentenversicherung billigend inkauf
nehmen. Freiberufler haben halt keine Lobby.

Grüße
Marc
Marc Haber (04.01.2016, 17:51)
Rüdiger Silberer <Usenet> wrote:
>Am 04.01.2016 schrieb Marc Haber:
>Mit Recht, denn diese Förderung hat dem Tourismus- und
>Übernachtungsgewerbe ganz außerordentlich gut getan. Der Wettbewerb
>gegenüber den Hotels und Pensionen beispielsweise in Österreich war doch
>durch die unterschiedlichen Steuersätze arg verzerrt.


Auch diese Regelung hat für mich übrigens ausschließlich Nachteile.
Während ich früher eine Übernachtung mit Frühstück als Betriebsausgabe
geltend gemacht habe (eine Buchung) und mir 4,95 Euro als ersparten
Verpflegungsaufwand (ebenfalls eine Buchung) wieder abgezogen habe,
verzichte ich heute in aller Regel auf das Frühstück oder pfeifmir
halt an der Bäckerei zwischen Tür und Angel ein Brötchen rein, weil
ich sonst eine Splitbuchung wegen der unterschiedlichen Steuersätze
habe und mir den Frühstückssatz des Hotels (die nicht selten über 20
Euro dafür aufrufen) in voller Höhe abziehen muss.

>> Bitte verstehe mich nicht falsch, ich halte sehr viel vom Liberalismus
>> und bin der Meinung, dass der Abgang der FDP aus der deutschen Politik
>> der 2010er-Jahre ein schmerzhaftes Loch hinterlassen hat. Aber sie hat
>> alles dafür getan, ihren Abgang zu unterstützen. Schade.

>Dann sollte man aber auch richtige Kritik anbringen und nicht
>verleumderische Parolen nachbeten.


Wenn wir uns auf "Unsinn nachplappern" einigen können, stimme ich Dir
da zu. Die Verleumdung ziehe ich mir nicht an, hier bist _Du_ über das
Ziel hinausgeschossen.

>>>Die unsinnige Förderung der Photovoltaik dient nur dazu, das Geldvom
>>>normalen Stromverbraucher in die Taschen der grünen Gutverdiener
>>>umzuleiten. Das nennt man Lobbypolitik.

>> Warum sollte Lobbypolitik nicht auch ausnahmsweise mal zu meinen
>> Gunsten passieren?

>Weil ich sie bezahlen muß.


Nichtdestotrotz bin ich üblicherweise derjenige der draufzahlt.

Grüße
Marc
Harald Friis (04.01.2016, 18:31)
Hallo Marc,

Am 04.01.2016 um 10:25 schrieb Marc Haber:
> Harald Friis <HaraldFriis> wrote:
>>Am 30.12.2015 um 13:41 schrieb Rüdiger Silberer:


>>wenn es überhaupt auch nur einen gibt - was zu beweisen wäre.

> Ich denke es spricht bände, dass sich die für die Freiberufler
> schlechten Ergebnisse der Statusfeststellungsverfahren in den letzten
> fünf Jahren von 13 % auf über 40 % geändert haben.


Ich kenne die Zahl nicht (bzw. nur aus deiner Feder). Ob es 'Bände'
spricht, kann ich nicht beurteilen. Sind es nur selbständige ITler, von
denen du sprichst? Welcher Architekt oder welcher freiberufliche
Journalist z.B. wird denn bei der DRV anfragen? Beide haben andere
Altersversorgungssysteme. Sind es auch die 'selbständigen' Schlachter
und Paketzusteller?

Auf welcher Basis wurden diese 13/40% erhoben? 10 Fälle? 100 Fälle?
100.000 Fälle? Waren es vor 6 Jahren 70%? Ich kann die Zahl überhaupt
nicht einordnen, eine Quelle wäre vielleicht hilfreich.

> Es ist einfach doof, dass die Sozialversicherung den Status als
> "sozialversicherungspflichtig angestellt" an so untauglichen Kriterien
> wie "hat einen Schreibtisch beim Kunden" festmachen. Und eine
> Katastrophe, dass der Gesetzgeber vorhat, diese bereits als untauglich
> nachgewiesenen Kriterien jetzt im BGB zu versenken.


Wenn man zwei Stati, nämlich selbständig und unselbständig definiert,
braucht man in irgendeiner Weise Abgrenzungskriterien. Davon sind einige
definiert, jedoch wird ausdrücklich (bisher und geplant auch zukünftig)
eine Gesamtschau vorgeschrieben; es erfolgt eben kein Ankreuzsystem.

>>Es gibt zwei Gruppen, denen ein besonderes Maß an Egozentrismus
>>innewohnt: Journalisten und ITler.

> Es geht halt nix über ein gesund gepflegtes Vorurteil.


Mit beiden Gruppen habe ich hinsichtlich ihrer Alters- und
Gesundheitsversorgung Erfahrung. Durchschnittserfahrungen taugen nicht
für den Einzelnen, sind aber schon deutlich mehr als Voruteile.

> Weil mein Geschäft durch den Entwurf des 611 a BGB sehr viel
> schwieriger als ein freiberufliches Geschäft einzustufen ist.


ich dachte, du betreibst eine freiberufliche Tätigkeit - schreibst du
das nicht laufend?

> Das Problem ist einzig der neue 611 a BGB.


Dessen Inhalt du noch nicht kennst.

>>Eine der vorgeschlagenen Änderungen fasst die Rechtsprechung zum Thema
>>Scheinselbständigkeit zusammen.

> Die Rechtsprechung sollte aber nicht als Grundlage für ein
> Gesetzgebungsverfahren dienen.


Ja warum denn nicht? Wer, wenn nicht die Gerichte, entscheiden am Ende?

> De facto kann ich mir keinen Zweig freiberuflicher Tätigkeit
> vorstellen, den der neue 611 a BGB so heftig erwischen wird wie
> meinen. Das mag durch meine Sichtweise beeinflusst sein, aber
> nirgendwo liest man von anderen Zweigen, und auch in diesem Thread hat
> niemand die Hand gehoben und hat ebenfalls gesagt, dass ihm die
> Gesetzesänderung in der Größenordnung von 20 % des Einkommens kosten
> wird. Das sind alles ITler.


Wie kommst du auf 20% des Einkommens? Noch einmal, es geht dabei *nicht*
um eine RV-Pflicht für Selbständige. Entweder bist du angestellt oder du
bist nicht angestellt.

>>Die Änderungen richten sich ganz besonders nicht gegen selbständige
>>ITler, sondern gegen diejenigen, die gar nicht selbständig sind.

> Ich bin seit über 20 Jahren in meinem Geschäft selbständig[1]. Und
> mich wird es erwischen. Ich weiß, dass Du jetzt kommen wirst, dass ich
> gar nicht selbständig bin. Ich sehe das aber deutlichst anders.


Wie kannst du wissen, womit ich dir 'jetzt kommen werde'? Bislang habe
ich in diesem Thread die These vertreten, dass du von zentralen
Kriterien nicht erfasst wirst (natürlich aufgrund deiner Schilderungen,
ich kenne deine Arbeit ja nicht persönlich). Insofern habe ich keinen
Anlaß, nunmehr abweichende Einschätzungen zu vertreten. Wenn du - wie du
jetzt wieder schreibst - selbständig tätig bist, dann ist doch alles in
Ordnung.

>>> Ja eben, die ihre freie Berufsausübung verlieren, nur weil eine
>>> SPD-Ministerin nicht weiß was sie treibt.

>>Ist klar, die Anderen wissen ja nie, was sie treiben. Dumm nur, dass bei
>>der letzten Wahl 95,2% der Wähler nicht verstanden haben, wie
>>segensreich deine Partei gewirkt hat.

> Interessant. Was ist denn meine Partei?


Das weiß ich nicht. Derjenige, dem ich hier geantwortet habe, schreibt
schon sehr lange über seine parteipolitischen Präferenzen.

Gruß

Harald Friis
Harald Friis (04.01.2016, 18:43)
Hallo noch einmal,

Am 04.01.2016 um 10:30 schrieb Marc Haber:
> Harald Friis <HaraldFriis> wrote:


> ich in Zukunft mit einem sozialversicherungspflichtigen
> Angestellten-Zeitvertrag arbeite, was für mich die Nachteile der
> Selbständigkeit mit den Nachteilen des Angestelltendaseins kombinieren
> wird.


Das behautest du nun seit vielen Postings. Eine Quelle dazu wäre
hilfreich. Nach eigener Aussage erfüllst du viele Kriterien nun gerade
*nicht*. Inwieweit 'Frau Nahles also einen Privatkrieg gegen Marc Haber'
zu führen gedenkt, erschließt sich mir nicht.

>>Stimmt, genau genommen lieferst du damit ein weiteres Argument gegen
>>eine Klassifizierung als Angestellter. Also bist du noch sicherer, dass
>>es dich nicht trifft.

> Nach den neuen Kriterien wird es mich treffen.


Obgleich du einen Teil dieser (gar nicht neuen) Kriterien n.e.A. *nicht*
erfüllst.

>>Dagegen helfen dann in der Tat (u.U.) klare
>>Verhältnisse. Die Statusfeststellung wäre ein solcher Weg.

> Die müsste ich doch für jedes Projekt neu durchführen, oder? Wie lange
> dauert sowas?


Der Status wird festgestellt. Das dauert einige Wochen. Dann hast du
eine Entscheidung. Natürlich nicht für jedes Projekt. Es ist ja gerade
das Wesen einer Feststellung, deinen Status auch 'amtlich' zu
bescheinigen. Solange sich an deiner Tätigkeit (selbständiger ITler)
nichts ändert, ändert sich auch an deinem Status nichts.

Wenn du natürlich umsattelst und dich als Schreinerhelfer anstellen
lässt, bist du mit dieser Schreinertätigkeit unselbständig. Mit deiner
IT-Geschichte aber weiterhin selbständig.

Meine Statusfeststellung datiert von 1990 und gilt natürlich auch heute
noch.

> Eine Mehrzahl von Auftraggebern habe ich, wenn man einen
> Fünfjahreszeitraum betrachtet. Guckt man auf das Kalenderjahr, ist es
> nicht selten nur einer.


Also hast du doch gute Argumente, weil du eben nicht im wesentlichen nur
für einen Auftraggeber ... aber das weißt du ja.

> Ob es eine direkte oder indirekte Folge des Referentenentwurfs ist,
> interessiert mich nicht. Der alleine in 2015 satt fünfstellige Schaden
> ist da.


Das ist wirklich blöde für dich, klar. Aber dies alleine der Frau Nahles
anlasten zu wollen, greift dann doch ein bisschen kurz, oder?

Gruß

Harald Friis
Lutz Schulze (04.01.2016, 18:44)
Am Mon, 04 Jan 2016 16:48:18 +0100 schrieb Marc Haber:

> Richtig. Es gibt aber durchaus Personen, die unterstellen, der
> Gesetzgeber würde die durch die schwammige Formulierung entstehenden
> drastischen Mehreinnahmen der Rentenversicherung billigend inkauf
> nehmen.


Ich denke auch dass das der eigentliche Grund für die neuerlichen
Aktivitäten ist.

Lutz
Stefan Froehlich (04.01.2016, 18:58)
On Mon, 04 Jan 2016 13:39:59 Thomas Grund wrote:
> 1.) trägt kein unternehmerisches Risiko.


> Ich trage das Risiko, im Krankheitsfall nichts zu verdienen.


Das hat der scheinselbständige Paketbote auch, aber genau das ist
einer der Gründe, weshalb man gegen dessen Scheinselbständigkeit
vorgeht. Taugt dann klarerweise auch hier nicht zur Abgrenzung.

> Ich trage das Risiko, im Falle eines Fehlschlags sogar haftbar
> gemacht zu werden. Ich trage das Risiko, nicht unterbrechungsfrei
> beschäftigt zu sein.


Diese beiden sind schon wesentlich wichtiger.

> 2.) ist in den täglichen Betriebsablauf integriert.


> Wie jeder Handwerker komme ich meinem Kunden da entgegen. Warum
> sollte ich mich da wehren?


Klar. Das ist je nach Tätigkeit nichts aussergewöhnliches.

> 3.) arbeitet in den Räumen des Auftraggebers.


> Das macht ein selbständiger Bodenleger auch. Wenn ein Maurer
> mehrmals kommt, dann lässt er sogar den Betonmischer nachts beim
> Kunden stehen. Skandal!


Der selbständige Bodenleger arbeitet allerdings nicht ein knappes
Jahr für den gleichen Auftraggeber (und falls doch, liegt in der Tat
der Verdacht der Scheinselbständigkeit schon recht nahe).

> 4.) muss Weisungen folgen.


> Das muss ein Selbständiger genauso wenig wie ein Angestellter,
> wenn er den Job nicht behalten will. Natürlich kann ein
> selbständiger Küchenbauer die Küchenzeile auch im Flur einbauen.
> Nur wird er dann wenig Freude mit dem Kunden haben.


Die Weisungsbefugnis reicht bei Unselbständigen (so der Arbeitgeber
das wünscht) wesentlich weiter, als bei Dienstleistern und könnte
durchaus als Abgrenzungskriterium herangezogen werden.
Selbstverständlich muss der Auftrag klar definiert sein, aber eben
auch *nur* der. Die Reihenfolge der Arbeitsschritte, die genaue
Vorgehensweise etc. obliegt dem Selbständigen - dem Unselbständigen
nur dann, wenn dessen Vorgesetzter dabei mitspielt.

> Das Problem mit o.g. Punkten ist, dass sie sich nicht so einfach
> anwenden lassen, wenn die selbständige Tätigkeit nicht stunden-
> oder tageweise ausgeübt wird, sondern über Wochen oder Monate. Es
> gibt definitiv Scheinselbständigkeit in unseren Reihen, aber sie
> lässt sich mit diesen Kriterien nicht greifen.


Ja, eben. Marc verdient in seinem Job ganz ausgezeichnet und möchte
deshalb naheliegenderweise kein Angestellter sein. Die Stundensätze,
die ich vom einen oder anderen "selbständigen Webdesigner"
mitbekommen habe, sind hingegen weniger lustig.

Servus,
Stefan
Stefan Froehlich (04.01.2016, 19:01)
On Mon, 04 Jan 2016 15:42:40 Rüdiger Silberer wrote:
> >>[...], die Senkung der USt auf Übernachtungen war eine Forderung
> >>aller im bay. Landtag vertretenen Parteien, also SPD Grüne und
> >>CSU.


> [...] diese Förderung hat dem Tourismus- und Übernachtungsgewerbe
> ganz außerordentlich gut getan. Der Wettbewerb gegenüber den
> Hotels und Pensionen beispielsweise in Österreich war doch durch
> die unterschiedlichen Steuersätze arg verzerrt.


Du meinst, es fahren jetzt Leute tatsächlich nach Deutschland,
anstatt nach Österreich auf Urlaub - wegen der paar Cent? Das sind
doch nur in ganz eng eingegrenzten Regionen wirkliche
Konkurrenzverhältnisse.

Servus,
Stefan
Rüdiger Silberer (04.01.2016, 21:12)
Am 04.01.2016 schrieb Marc Haber:

> Rüdiger Silberer <Usenet> wrote:
> Auch diese Regelung hat für mich übrigens ausschließlich Nachteile.
> Während ich früher eine Übernachtung mit Frühstück als Betriebsausgabe
> geltend gemacht habe (eine Buchung) und mir 4,95 Euro als ersparten
> Verpflegungsaufwand (ebenfalls eine Buchung) wieder abgezogen habe,
> verzichte ich heute in aller Regel auf das Frühstück oder pfeif mir
> halt an der Bäckerei zwischen Tür und Angel ein Brötchen rein, weil
> ich sonst eine Splitbuchung wegen der unterschiedlichen Steuersätze
> habe und mir den Frühstückssatz des Hotels (die nicht selten über 20
> Euro dafür aufrufen) in voller Höhe abziehen muss.


OMG eine Splitbuchung. Ist das Deine größte Schwierigkeit dabei?

> Wenn wir uns auf "Unsinn nachplappern" einigen können, stimme ich Dir
> da zu. Die Verleumdung ziehe ich mir nicht an, hier bist _Du_ über das
> Ziel hinausgeschossen.


Das bezog sich auf die Parolen und nicht auf Dich.

> Nichtdestotrotz bin ich üblicherweise derjenige der draufzahlt.


Ich zahle sie aber jeden Monat mit meiner Stromrechnung.

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