expertenaustausch > sci.* > sci.astronomie

Martin Schade (29.04.2020, 17:31)
Sagt mal, was folgt, wenn 2 Neutronensterne mit großer Geschwindigkeit
zusammenstoßen?

Grüße, Martin Schade
Oliver Jennrich (29.04.2020, 20:28)
"Martin Schade" <m.schade> writes:

> Sagt mal, was folgt, wenn 2 Neutronensterne mit großer Geschwindigkeit
> zusammenstoßen?


Eine Kilonova. Aber die Geschwindigkeit ist dabei eigentlich egal.
Thomas 'PointedEars' Lahn (30.04.2020, 01:12)
Oliver Jennrich wrote:

> "Martin Schade" <m.schade> writes:
>> Sagt mal, was folgt, wenn 2 Neutronensterne mit großer Geschwindigkeit
>> zusammenstoßen?

> Eine Kilonova. Aber die Geschwindigkeit ist dabei eigentlich egal.


IBTD. Zunächst mal sorgt das ? wie Dir sicher gerade nur entfallen war ?
für stärkere Gravitationwellen als bei langsamerer Verschmelzung,
insbesondere wenn (wie zu erwarten) die Neutronensterne zuvor in einem engen
degradierenden Orbit umeinander sind. Zweitens erhöht eine höhere
Relativgeschwindigkeit und damit kinetische Energie vor der Kollision die
Kollisionsenergie.

Das kann IMHO einerseits dazu führen, dass die Kilonova stärker ausfällt als
sonst und ggf. das Verschmelzungsprodukt zerreisst; und andererseits, dass
aufgrund der höheren Energie-Impuls-Dichte ein Schwarzes Loch entsteht, das
ansonsten vielleicht nicht entstanden wäre. (Nicht jede Supernova endet mit
der Entstehung eines Schwarzen Lochs.)

PointedEars
Martin Schade (30.04.2020, 11:44)
"Thomas 'PointedEars' Lahn" schrieb im Newsbeitrag
news:5bft

> IBTD. Zunächst mal sorgt das ? wie Dir sicher gerade nur entfallen war ?
> für stärkere Gravitationwellen als bei langsamerer Verschmelzung,
> insbesondere wenn (wie zu erwarten) die Neutronensterne zuvor in einem
> engen
> degradierenden Orbit umeinander sind. Zweitens erhöht eine höhere
> Relativgeschwindigkeit und damit kinetische Energie vor der Kollision die
> Kollisionsenergie.


Nun, wenn die "Neutronensterne zuvor in einem engen degradierenden Orbit
umeinander sind" nähern sie sich allmählich an. Sie laufen zwar schnell auf
einer Kreisbahn, und diese Geschwindigkeit hängt vor deren Masse ab, und die
wird begrenzt durch diejenige, ab welcher ein Neutronenstern zu einem
Schwarzen Loch kollabieren. Noch schneller können sie nur sein, "wenn 'sie
_nicht_' zuvor in einem engen degradierenden Orbit umeinander sind. Also,
wenn sie zufällig (das ist zwar unwahrscheinlich) aufeinander zufliegen und
zusammenstoßen.

> Das kann IMHO einerseits dazu führen, dass die Kilonova stärker ausfällt
> als
> sonst und ggf. das Verschmelzungsprodukt zerreisst; und andererseits, dass
> aufgrund der höheren Energie-Impuls-Dichte ein Schwarzes Loch entsteht,
> das
> ansonsten vielleicht nicht entstanden wäre. (Nicht jede Supernova endet
> mit
> der Entstehung eines Schwarzen Lochs.)


Ich weiß auch nicht, wieso die Verschmelzung von Neutronensternen zu einer
Nova führen sollte, denn die Materie ist schon zu Neutronen geworden, und
Energie wird nicht mehr frei.

Grüße, Martin Schade
Oliver Jennrich (30.04.2020, 21:19)
Thomas 'PointedEars' Lahn <PointedEars> writes:

> Oliver Jennrich wrote:
> IBTD. Zunächst mal sorgt das ? wie Dir sicher gerade nur entfallen war ?
> für stärkere Gravitationwellen als bei langsamerer Verschmelzung,


Nein. Die stärksten Gravitationswellen gibt es, wenn die beiden NS in
einem Orbit mit maximalem Drehimpuls sind, d.h. in einem (langsam
schrumpfenden) kreisförmigen Orbit. Das ist dann auch gleichzeitig die
*geringste* Kollisionsgeschwindigkeit, weil die Radialgeschwindigkeit
auf diese Art die kleinste ist.

Eine 'head-on' Kollision (Drehimpuls gleich Null) strahlt die geringste
Menge an Energie über Gravitationswellen ab.

Aber - und das war eigentlich der Kern meiner Antwort - die
Gravitationswellen die so eine NS-NS Kollision abstrahlt sind
spektakulär und neu und aufregend, aber, verglichen mit der EM-Strahlung
eben auch relativ langweilig, weil sie durch die Massen, die Spins der
NS und den Bahndrehimpuls komplett bestimmt ist, jedenfalls im Bereich
des 'inspiraling'. Das wirklich spektakuläre ist die
Kilonova.

Jedenfalls wissen wir im Falle von GW170814 nicht aufgrund der GW, wie
der größte der schweren Elemente entstanden sind, sondern über die
EM-Strahlung.

> insbesondere wenn (wie zu erwarten) die Neutronensterne zuvor in einem engen
> degradierenden Orbit umeinander sind.
> Zweitens erhöht eine höhere Relativgeschwindigkeit und damit
> kinetische Energie vor der Kollision die Kollisionsenergie.


Ja, aber das ist eher unerheblich. Der allergrößte Teil der
freiwerdenden Energie kommt aus der Kernbindungsenergie die jetzt, wo
Neutronen wieder zu Protonen zerfallen können, zur Verfügung steht.

> Das kann IMHO einerseits dazu führen, dass die Kilonova stärker ausfällt als
> sonst und ggf. das Verschmelzungsprodukt zerreisst;


Das 'Verschmelzungsprodukt' existiert vermutlich gar nicht erst. Gezeitenkräfte
zerreißen beide Neutronensterne und das was übrigbleibt ist vermutlich nicht mal
mehr ein Neutronenstern. Das hängt natürlich neben den Massen auch von
der Zustandsgleichung der NS ab.

> und andererseits, dass aufgrund der höheren Energie-Impuls-Dichte ein
> Schwarzes Loch entsteht, das ansonsten vielleicht nicht entstanden
> wäre.


Unwahrscheinlich. Aber soweit ich weiß ist noch nicht abschließend
geklärt ob bei der NS-NS-Kollision überhaupt ein SL entstehen kann, oder
ob zu viel Masse weggeschleudert wird.

> (Nicht jede Supernova endet mit der Entstehung eines Schwarzen Lochs.)


Ja, aber das hat sehr wenig mit der Kilonova zu tun.
Thomas 'PointedEars' Lahn (30.04.2020, 21:53)
Martin Schade wrote:

> "Thomas 'PointedEars' Lahn" schrieb im Newsbeitrag
> news:5bft


Es heisst Einleitungs_zeile_, nicht Einleitungsroman.

> Nun, wenn die "Neutronensterne zuvor in einem engen degradierenden Orbit
> umeinander sind" nähern sie sich allmählich an.


Für geeignete Werte von ?allmählich?.

> Sie laufen zwar schnell auf einer Kreisbahn,


Nein, im allgemeinen auf elliptischen Bahnen (1. Keplersches Gesetz):

<https://de.wikipedia.org/wiki/Umlaufbahn>

Ganz allgemein gesprochen handelt es sich um eine Präzessionstrajektorie
bzw. um Spiralen in der Raumzeit:

<https://de.wikipedia.org/wiki/Apsidendrehung>

> und diese Geschwindigkeit hängt vor deren Masse ab,


Ja.

> und die wird begrenzt durch diejenige, ab welcher ein Neutronenstern zu
> einem Schwarzen Loch kollabieren.


Und diese hängt unter anderem auch davon ab, wie heisst der Neutronenstern
ist und wie schnell er rotiert. Die TOV-Grenze, auf die Du Dich beziehst,
gilt für *kalte*, *nicht-rotierende* Neutronensterne.

> Noch schneller können sie nur sein, "wenn 'sie _nicht_' zuvor in einem
> engen degradierenden Orbit umeinander sind. Also, wenn sie zufällig (das
> ist zwar unwahrscheinlich) aufeinander zufliegen und zusammenstoßen.


Unsinn.

> Ich weiß auch nicht, wieso die Verschmelzung von Neutronensternen zu einer
> Nova führen sollte, denn die Materie ist schon zu Neutronen geworden, und
> Energie wird nicht mehr frei.


Zunächst mal hat die Entstehung eines Neutronensterns wenig mit ?Freiwerden
von Energie? zu tun: Er entsteht beim gravitativen Kollaps nach einer
Supernova, weil der Gravitationsdruck zwar ausreicht, dass Elektronen und
Atomkerne sich so nahe kommen, dass Elektronen von den Protonen eingefangen
werden ?

p? + e? ? n + ?_e

?; aber der Entartungsdruck der entstandenen Neutronen (die Fermionen sind
und daher dem Pauli-Prinzip unterliegen) verhindert, dass der stellare Kern
noch weiter kollabiert (bis zu einer Grösse, bei der ein Schwarzes Loch
entstehen würde, wie Du richtig schriebst).

[Man beachte das Elektron-Neutrino (?_e) auf der rechten Seite der
Reaktionsgleichung. Es ist tatsächlich der Neutrinofluss, der letztlich
zu einer Supernova führt, da der gegen die einfallenden äusseren
Schichten gerichtete Fluss solange zunehmen kann, bis ein kritischer
Punkt erreicht ist und der Stern explodiert. Siehe auch
<https://en.wikipedia.org/wiki/Neutron_star#Formation>]

Zweitens besteht ein Neutronenstern nicht nur aus Neutronen, sondern aus
einem entarteten Zustand der Materie: Fermi-Gasen. Grösstenteils aus einem
Neutronengas und an der Oberfläche ein Elektronengas bestehend aus den
Elektronen, die nicht von Protonen eingefangen wurden:

<https://en.wikipedia.org/wiki/Neutron_star>

Genau deshalb führt die Verschmelzung zweier Neutronensterne zu einem
Helligkeitsausbruch, der etwa 1000 Mal so hell ist wie eine klassische Nova
und deshalb ?Kilonova? genannt wird:

<https://de.wikipedia.org/wiki/Kilonova>

PointedEars
Thomas 'PointedEars' Lahn (30.04.2020, 22:08)
Oliver Jennrich wrote:

> Thomas 'PointedEars' Lahn <PointedEars> writes:
> Nein. Die stärksten Gravitationswellen gibt es, wenn die beiden NS in
> einem Orbit mit maximalem Drehimpuls sind, d.h. in einem (langsam
> schrumpfenden) kreisförmigen Orbit. Das ist dann auch gleichzeitig die
> *geringste* Kollisionsgeschwindigkeit, weil die Radialgeschwindigkeit
> auf diese Art die kleinste ist.
> Eine 'head-on' Kollision (Drehimpuls gleich Null) strahlt die geringste
> Menge an Energie über Gravitationswellen ab.


ACK. Birkhoff-Theorem?

> Jedenfalls wissen wir im Falle von GW170814 nicht aufgrund der GW, wie
> der größte der schweren Elemente entstanden sind, sondern über die
> EM-Strahlung.


Aufgrund von *beidem*. ?Multi-messenger astronomy? eben.

<https://arxiv.org/abs/1710.05833>

> Ja, aber das ist eher unerheblich. Der allergrößte Teil der
> freiwerdenden Energie kommt aus der Kernbindungsenergie die jetzt, wo
> Neutronen wieder zu Protonen zerfallen können, zur Verfügung steht.


Hmmm.

PointedEars
Martin Schade (16.05.2020, 20:50)
"Thomas 'PointedEars' Lahn" schrieb im Newsbeitrag
news:voog

> Für geeignete Werte von ?allmählich?.
> Nein, im allgemeinen auf elliptischen Bahnen (1. Keplersches Gesetz):
> <https://de.wikipedia.org/wiki/Umlaufbahn>


Ich meine, daß der Verlust von Bahnenergie infolge der Abstrahlung von
Gravitationswellen am stärksten im Periastron erfolgt, und daß daher das
Apastron kleiner wird, so daß die Exzentrizität der Bahn abnimmt. Wenn die
Neutronensterne sich sehr nahe gekommen sind, dürfte das keine Ellipse mehr
sein.

> Ganz allgemein gesprochen handelt es sich um eine Präzessionstrajektorie
> bzw. um Spiralen in der Raumzeit:
> <https://de.wikipedia.org/wiki/Apsidendrehung>
> Ja.
> Und diese hängt unter anderem auch davon ab, wie heisst der Neutronenstern
> ist und wie schnell er rotiert. Die TOV-Grenze, auf die Du Dich beziehst,
> gilt für *kalte*, *nicht-rotierende* Neutronensterne.

Bevor die Neutronensterne sich verbinden, dürften sie gebunden und ziemlich
schnell rotieren, und das gilt dann auch für das "Verschmelzungsprodukt"

> > Noch schneller können sie nur sein, "wenn 'sie _nicht_' zuvor in einem
> > engen degradierenden Orbit umeinander sind. Also, wenn sie zufällig (das
> > ist zwar unwahrscheinlich) aufeinander zufliegen und zusammenstoßen.

> Unsinn.


naja, hmm ... Vielleicht gibt eine instellare Superzivilisatin denen mal
einen Schups.

[..]
> Schichten gerichtete Fluss solange zunehmen kann, bis ein kritischer
> Punkt erreicht ist und der Stern explodiert. Siehe auch
> <https://en.wikipedia.org/wiki/Neutron_star#Formation>]


Naja, der Kollpas des Kernes dürfte durch einen Verlust an Energie
eingeleitet werden, indem eine Kernfusion zu Elementen oberhalb des Eisens
einsetzt. Dadurch nimmt der Strahlungsdruck ab, und die Dichte steigt weiter
an.
In den Texten zur Supernova wird behauptet, daß den Höheren Schichten des
Sterns durch den Kernkollaps der Boden weggezogen wird, und daß sie mit
Überschallgeschwindigkeit auf den Kern hinabfallen. So 130 km oberhalb des
Kernes soll sich dann eine Stoßwelle ausbilden.
Dagegen habe ich den Einwand, daß es sich um einen 3-dimensionalen Vorgang
handelt, so dß die mittlere Schale der Sternmaterie quasi in einem Trichter
hinabfällt. Wenn eine Kugelschale sich Richtung Mittelpunkt bewegt, dann
nimmt ihr Volumen ab, und das darin befindliche Material wird komprimiert
und wohl auch durchmischt. Damit ist doch eigentlich klar, daß darin die
Voraussetzungen zur Kernfusion entstehen und daß das dann kein sich selbst
regelndes Schalenbrennen sein kann.

[..]
> Nova
> und deshalb ?Kilonova? genannt wird:
> <https://de.wikipedia.org/wiki/Kilonova>


nö, wieso? Dort steht "Eine Kilonova (alternativ auch Macronova) ist der
Helligkeitsausbruch eines verschmelzenden Doppelsterns, dessen
elektromagnetische Strahlung durch den radioaktiven Zerfall von Elementen
angetrieben wird, die im r-Prozess gebildet wurden." Es sind doch gar keine
Elemente vorhanden, sondern alles Neutronen.

Grüße, Martin Schade
Martin Schade (16.05.2020, 21:00)
"Oliver Jennrich" schrieb im Newsbeitrag
news:1fsf

*****
> Ja, aber das ist eher unerheblich. Der allergrößte Teil der
> freiwerdenden Energie kommt aus der Kernbindungsenergie die jetzt, wo
> Neutronen wieder zu Protonen zerfallen können, zur Verfügung steht.


Damit die Neutronen wieder zu Protonen und Elektronen zerfallen können,
müßten ~ die Neutrinos, die bei der Bildung der Neutronen ausgesandt worden
sind zurückkommen.
Ansonsten ist bekannt, daß freie Neutronen mit einer Halbwertszeit in
Protonen und Elektronen zufallen. Bildet diese Materie wieder Elemente, wenn
ja, welche?

Grüße, Martin Schade
Dieter Grosch (17.05.2020, 14:39)
>"Martin Schade" schrieb im Newsbeitrag news:
>Bevor die Neutronensterne sich verbinden, dürften sie gebunden und ziemlich
>schnell rotieren, und das gilt dann auch für das "Verschmelzungsprodukt"


Aus der Atomphysik ist bekannt, das sich Neurone nicht verbinden, sondern
zerfallen, also ist das Szenario grundsätzlich falsch.

Dieter Grosch
Fritz (17.05.2020, 16:11)
Am 17.05.20 um 14:39 schrieb Dieter Grosch:
> Aus der Atomphysik ist bekannt, das sich Neurone nicht verbinden, sondern
> zerfallen, also ist das Szenario grundsätzlich falsch.


Geh in die Volksschule Grosch und lerne sinnerfassend *LESEN*!

Nirgends steht, dass sich die Neutronen (damit sind die Teilchen
gemeint) verbinden!

Neutronenstern != Neutron
Thomas 'PointedEars' Lahn (23.05.2020, 01:45)
Martin Schade wrote:

> Damit die Neutronen wieder zu Protonen und Elektronen zerfallen können,
> müßten ~ die Neutrinos, die bei der Bildung der Neutronen ausgesandt
> worden sind zurückkommen.


Jein; in unserem Universum gibt es nämlich Antineutrinos, somit auch
"??-Zerfall".

Jedoch sagt die Feynman?Stückelberg-Interpretation der Antiteilchen genau
das aus: Nämlich, dass Antiteilchen sich rückwärts durch die Zeit (oder
möglicherweise in einem Antiversum sich vorwärts durch dessen Antizeit)
bewegende Teilchen seien. Deswegen verlaufen ihre Weltlinien in Feynman-
Diagrammen auch entgegen der Zeitrichtung (t); in diesem Fall ungefähr so:

t udu (p) ??
^ \\\ / _.-> e?
: ^^^ .. v.-'
: \\\ .. : '. :
: \\\/ '. : '..'
: /// ''
: /// W?
: ^^^
: ///
udd (n)

(vgl. <https://en.wikipedia.org/wiki/Beta_decay>)

Insofern deutet Deine Behauptung also in die richtige Richtung.

<https://en.wikipedia.org/wiki/Antiparticle#Feynman%E2%80%93Stueckelberg_interpre tation>

> Ansonsten ist bekannt, daß freie Neutronen mit einer Halbwertszeit in
> Protonen und Elektronen zufallen.


_zerfallen_

Ein (statistischer) Zerfall hat immer eine Halbwertszeit (es ist dies
schlicht die Zeit, nach der noch Hälfte der Originale vorhanden ist),
insofern ist Deine Ergänzung ?mit einer Halbwertszeit? bestenfalls seltsam.

Zweitens ist ?Zerfall? bzw. ?zerfallen? in diesem Zusammenhang eine
*historisch* bedingte Bezeichnung; heutzutage würde man eher von der
*Umwandlung* eines Teilchens in ein anderes sprechen, da es sich beim
sogenannten "Zerfall" eines Nukleons tatsächlich um die Umwandlung eines
seiner Quarks handelt.

"Zerfällt" nämlich ein Proton in ein Neutron und ein Elektron-Neutrino, dann
wandelt sich tatsächlich eines der Up-Quarks des Protons in ein Down-Quark
um; "zerfällt" ein Neutron in ein Proton, dann wandelt sich tatsächlich
eines der Down-Quarks des Neutrons in ein Up-Quark um. Aufgrund der
Ladungserhaltung entsteht zusätzlich ein Positron bzw. Elektron und aufgrund
der Energieerhaltung (und wie man später herausfand, auch der Erhaltung der
Leptonenfamilienzahl) ein Elektron-Neutrino bzw. Elektron-Antineutrino:

p? (uud) ? n? (udd) + e? + ?_e
n? (udd) ? p? (uud) + e? + ??_e.

Die Umwandlung geschieht nach der Theorie der Schwachen Wechselwirkung
jeweils über ein W(eak interaction)-Boson, welches nach kurzer Zeit
(tatsächlich) zerfällt:

u ? d + W?
W? ? e? + ?_e

d ? u + W?
W? ? e? + ??_e

(vgl. das Feynman-Diagramm oben).

> Bildet diese Materie wieder Elemente, wenn ja, welche?


Im einfachsten Fall trägt das beim "Zerfall" entstehende Elektron-
Antineutrino genügend kinetische Energie weg, so dass ein Wasserstoff-Atom
entsteht:

p? + e? ? H

[Es war die Tatsache, dass beim Neutronenzerfall NICHT *immer* ein
Wasserstoff-Atom entsteht, und das Energiespektrum des entstehenden
Elektrons kontinuierlich ist, die zuerst Wolfgang Pauli und
schliesslich Enrico Fermi schlaflose Nächte bereitete. Denn das hätte
bedeutet, dass beim ??-Zerfall die Energieerhaltung verletzt wäre.
Pauli wollte das nicht akzeptieren und postulierte 1930 ein schwer zu
detektierendes elektrisch neutrales Teilchen, das die Energie wegtragen
würde; er nannte es ?Neutron?. 1932 entdeckte James Chadwick ein
elektrisch neutrales Teilchen in Atomkernen, das er ebenfalls ?neutron?
nannte. Jedoch war die Masse dieses ?neutron?s zu gross, um Paulis
?Neutron? zu sein. Um die sich ergebenden Ungereimtheiten in der
Atomphysik aufzulösen, postulierte Fermi, dass beim ??-Zerfall vier
Teilchen an beteiligt sein müssten; ein elektrisch neutrales, welches
eine sehr geringe (bzw. keine) Masse haben müsste, nannte er nach einer
scherzhaften Bemerkung seines Kollegen Edoardo Amaldi «neutrino», was
italiensch für ?kleines Neutron/neutrales Teilchen? ist.

Durch verschiedene Experimente (u.a. Cowan?Reines Experiment 1956)
wissen wir heute, dass verschiedene Arten von (Anti-)Neutrinos
existieren; sowie, dass diese sich ineinander umwandeln (Neutrino-
Oszillation) und dass Neutrinos deshalb eine von Null verschiedene
Masse haben müssen (Nobelpreis für Physik 2015).

Siehe auch <https://doi.org/10.13140/RG.2.2.10551.88486>]

Dieses verbindet sich dann nach kurzer Zeit (so es denn die Möglichkeit hat)
mit anderen Atomen und Molekülen, z. B. in H-?-Gebieten mit einem weiteren
Wasserstoff-Atom zu molekularem Wasserstoff:

H· + ·H ? H?.

Nach (stellarer) Kernfusion (v. a. Alpha-, Triple-Alpha-Prozess und CNO-
Zyklus) können dann schrittweise (u. a. durch Photoionisation) komplexere
Moleküle entstehen, aus denen schliesslich Planeten und wir bestehen.
Zum Beispiel:

H + ? ? H? + e? (kann verschiedenste Moleküle bilden; in H-?-Gebieten)

2 H? + O? ? 2 H?O (anorganisch) oder O? + 4 e? + 4 H? ? 2 H?O (organisch)
(Wasser)

C + O? ? CO? (Kohlenstoffdioxid)
CO? + 4 H? ? CH? (Methan) + 2 H?O

CO? + H?O = H?CO? (Kohlensäure)

N + 3 H? ? NH? (Ammoniak)

S + O? ? SO? (Schwefeldioxid)
SO? + OH? + O? ? SO? (Schwefeltrioxid)
SO? + H?O ? H?SO? (Schwefelsäure)
NaCl + H?SO? ? NaHSO? (Natriumhydrogensulfat) + HCl (Salzsäure)

? ? C?H?OH (Ethanol)

So entstanden in der Frühzeit des Universums die ersten Molekülwolken,
aus denen sich die ersten Sterne (die vermutete Population ? sowie die
beobachte Population ?) bildeten.
Martin Schade (23.05.2020, 18:28)
"Thomas 'PointedEars' Lahn" schrieb im Newsbeitrag
news:ovbm

******
> > Bildet diese Materie wieder Elemente, wenn ja, welche?

> Im einfachsten Fall trägt das beim "Zerfall" entstehende Elektron-
> Antineutrino genügend kinetische Energie weg, so dass ein Wasserstoff-Atom
> entsteht:


Naja, in Anbetracht dessen, daß noch sehr viele Neutronen in der Nähe sind
und die Dichte noch sehr hoch ist, könnte Deuterium oder Tritium entstehen.
Oder Helium oder so ... Es müßte ja eine Weile dauern, bis sich der Klumpen
aus Neutronen in normale Materie umgewandelt hat. Diese hätte erstmal einen
Neutronen-Überschuß und wäre radioaktiv. Vielleicht entsteht aufgrund der
hohen Materie-Dichte gleich Eisen oder auch höhere Elemente.
Ich meine, wenn Wasserstoff das Ergebnis wäre, dann würde ja alles wieder
von vorn losgehen.

Grüße, Martin Schade
Thomas 'PointedEars' Lahn (23.05.2020, 20:50)
Martin Schade wrote:

> "Thomas 'PointedEars' Lahn" schrieb im Newsbeitrag
> news:ovbm


*facepalm*

<http://getthunderbird.com/>

> Naja, in Anbetracht dessen, daß noch sehr viele Neutronen in der Nähe sind
> und die Dichte noch sehr hoch ist, könnte Deuterium oder Tritium
> entstehen.


Nein. Lern LESEN:

<https://de.wikipedia.org/wiki/Kilonova> (BEREITS REFERENZIERT)

?Kilonovae können bei einer Verschmelzung zweier Neutronensterne oder der
Verschmelzung eines schwarzen Loches mit einem Neutronenstern auftreten.[2]
Dabei wird der masseärmere Neutronenstern durch die Gezeitenkräfte des
schwereren Begleiters zerstört. Während der größte Teil der Materie des
zerrissenen Sterns aus einer Akkretionsscheibe auf den massereicheren
Begleiter akkretiert wird, werden 0,001 bis 0,1 Sonnenmassen des zerstörten
Neutronensterns isotrop mit einer Geschwindigkeit vom 0,1- bis 0,2-fachen
der Lichtgeschwindigkeit ausgestoßen.?

> Oder Helium oder so ...


Oder so, ja.

> Es müßte ja eine Weile dauern, bis sich der Klumpen aus Neutronen in
> normale Materie umgewandelt hat.


Nein. Lern LESEN:

?Die neutronenreiche Materie wandelt sich innerhalb weniger Sekunden durch
Fission und Beta-Zerfall in Elemente um, die durch den r-Prozess entstehen.?

Siehe auch Rauscher & Patkos 2010. [a]

> Diese hätte erstmal einen Neutronen-Überschuß und wäre radioaktiv.


Lern LESEN:

?Die neu synthetisierten radioaktiven Elemente zerfallen, und die dabei
emittierte Strahlung kann als ein 0,5 bis 10 Tage dauernder Ausbruch mit
einer Leuchtkraft 1034 W bis 1035,5 W nachgewiesen werden. [3]?

> Vielleicht entsteht aufgrund der hohen Materie-Dichte gleich Eisen oder
> auch höhere Elemente.


Lern LESEN:

?Kilonovae werden als eine bedeutende Quelle für die schweren Elemente des
r-Prozesses mit Atommassen von über 130 angesehen, da der Beitrag von
Supernova-Ejekta zu diesen Elementen zu gering zu sein scheint, um die
gemessenen Werte in der interstellaren Materie zu erklären. [7][8]?

> Ich meine, wenn Wasserstoff das Ergebnis wäre, dann würde ja alles wieder
> von vorn losgehen.


Das tut es auch; lern LESEN.

Beim *Verschmelzen von Neutronensternen* entsteht natürlich eher kein
Wasserstoff, da die Neutronendichte zu gross ist und es eher keine freien
Neutronen gibt. Ich nannte ein BEISPIEL (?im EINFACHSTEN Fall?) für das
Ergebnis des "Zerfalls" EINES Neutrons.

__________
[2] N. R. Tanvir et al.: A ?kilonova? associated with the short-duration ?-
ray burst GRB 130603B. In: Nature. Band 500, Nr. 7464, 2013, S. 547?549,
doi:10.1038/nature12505, arxiv:1306.4971.

[3] Brian D. Metzger, Edo Berger: What is the Most Promising Electromagnetic
Counterpart of a Neutron Star Binary Merger? In: The Astrophysical Journal.
Band 746, Nr. 48, 2012, doi:10.1088/0004-637X/746/1/48, arxiv:1108.6056.

[7] S. Rosswog et al.: The longterm evolution of neutron star merger
remnants I: the impact of r-process nucleosynthesis. In: Monthly Notices of
the Royal Astronomical Society. Band 439, 2014, S. 744?756,
doi:10.1093/mnras/stt2502, arxiv:1307.2939.

[8] Watson et al.: Identification of strontium in the merger of two neutron
stars. In: Nature. Band 574, 2019, S. 497?500, arxiv:1910.10510.

[a] T. Rauscher, A. Patkos: Origin of the Chemical Elements. In: Handbook of
Nuclear Chemistry, 2nd edition (Springer, 2011), p. 611-665.
arXiv:1011.5627v2 [astro-ph.SR]. <https://arxiv.org/abs/1011.5627v2>

kopfschüttelnd,
Fritz (25.05.2020, 10:28)
Am 23.05.20 um 20:50 schrieb Thomas 'PointedEars' Lahn:
........
> kopfschüttelnd,


Nicht ratsam, du bekommst Kopfweh davon, oder Schlimmeres .....

Ähnliche Themen