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Herbert Albrecht (17.12.2018, 14:24)
Hallo,

ich bin in Youtube über ein Video gestolpert, in dem Londons
Fahradpolitik behandelt wird
(). Na ja, das Übliche halt,
mit etwas britischem Humor aufgelockert, dachte ich - und dann kam doch
noch etwas für mich Neues - ab Minute 6.

Da gibt es also Stevenage nördlich von London, eine Stadt, die das hat,
wovon jetzt alle Städte (angeblich) träumen und wofür Hamburg gerade 50
Mio. Euros ausgibt: Eine richtig gute Fahrrad-Infrastruktur. Die aber -
auch das erfährt man im Video - kaum genutzt wird.

Das fand ich interessant und ich fand an zu googlen und wurde fündig:
Der Guardian berichtete über den Verlauf des dortigen Experiments der
Fahrrad-Förderung nach dem Vorbild Hollands:
.

Warum macht Hamburg das gescheiterte Experiment jetzt nach? Für die 50
Mio. könnte man Schulen reparieren oder die Uni, Bildung ist doch so
wichtig, oder?

Herbert
Andreas Quast (17.12.2018, 16:00)
Am Mon, 17 Dec 2018 13:24:35 +0100 schrieb Herbert Albrecht:

> Warum macht Hamburg das gescheiterte Experiment jetzt nach? Für die 50
> Mio. könnte man Schulen reparieren oder die Uni, Bildung ist doch so
> wichtig, oder?


wenn man die Autos wirklich VON und die Fahrräder AUF die Straße bringen
wollte, müsste man sich um die Schnittstellen zum ÖPNV kümmern. Und damit
meine ich nicht Abstellanlagen, denn Radfahrer möchte zum Ziel
weiterradeln. Man braucht genügend Fahrradwagen in allen (durchgehend
begehbaren) Zügen des Nah-, Regional- und Fernverkehrs wie früher die
Gepäckwagen. Auch der Busverkehr braucht Platz für Räder innen oder
außen. Ziel müsste sein, auch spontan alle Strecken zusammen mit dem Rad
öffentlich fahren zu können mit Vor- und Nachlauf auf dem Fahrrad. Sonst
werden die Menschen weiter ihr Auto verwenden, wenn die Haltestelle nicht
gerade vor der Tür ist.
Das kostete natürlich Geld, Flexibilität und Initiative in einem Land, in
dem die Entscheidungsträger nur auf Demoskopie und Lobbygruppen hören und
in freier Wildbahn auf Hartz4 angewiesen wären.
aq
Arne Luft (17.12.2018, 16:31)
On Mon, 17 Dec 2018 14:00:41 -0000 (UTC), Andreas Quast
<bu3ro.kratz> wrote:

>Auch der Busverkehr braucht Platz für Räder innen oder
>außen.


Jeder Bus muß einen direkt begehbaren Anhänger mit sich rumfahren, in
dem die Fahrräder abgestellt werden können. Das entlastet den Verkehr
sicherlioch ganz gewaltig.

>Ziel müsste sein, auch spontan alle Strecken zusammen mit dem Rad
>öffentlich fahren zu können


Also überdachte und klimatisierte Radwege überall.

Zusätzlich sollten kostenlose Fahrradrikschas für Personen
eingerichtet werden, die zu alt, zu gebrechlich oder so sind, um den
Erwartungen der Radfahrstalinisten gerecht zu werden.

Ich würde das unterstützen, wenn es über eine Maut der Benutzer dieser
Radwege finanziert würde und Radfahrer keine anderen Wege benutzen
dürfen, wenn Radwege vorhanden sind.

Zusätzlich wäre eine Radfahrsteuer zu erheben, die jeder
Fahrradbesitzer zahlen muß. Sagen wir 500 Euro pro Jahr und Rad. Also
1000 Euro für Zweiräder, 1500 Euro für Dreiräder, aber nur 500 Euro
für Einräder.

Desweiteren wird flächendeckend eine Gesichtserkennungssoftware
installiert, die jeden Radler kennt.
Anton Ertl (17.12.2018, 17:17)
Herbert Albrecht <rz3a054> writes:
>Hallo,
>ich bin in Youtube über ein Video gestolpert, in dem Londons
>Fahradpolitik behandelt wird
>(). Na ja, das Übliche halt,
>mit etwas britischem Humor aufgelockert, dachte ich - und dann kam doch
>noch etwas für mich Neues - ab Minute 6.
>Da gibt es also Stevenage nördlich von London, eine Stadt, die das hat,
>wovon jetzt alle Städte (angeblich) träumen und wofür Hamburg gerade 50
>Mio. Euros ausgibt: Eine richtig gute Fahrrad-Infrastruktur.


Oder das, was sich die vom Gedanken der autogerechten Stadt beseelten
Verkehrsplaner und Auch-Radfahrer-Lobbyisten so darunter vorstellen.

>Die aber -
>auch das erfährt man im Video - kaum genutzt wird.


Welch Wunder: Wenn man eine autogerechte Stadt wie Stevenage baut,
dann fahren dort tatsaechlich die meisten auch mit dem Auto (68.8%
MIV-Anteil).

>Das fand ich interessant und ich fand an zu googlen und wurde fündig:
>Der Guardian berichtete über den Verlauf des dortigen Experiments der
>Fahrrad-Förderung nach dem Vorbild Hollands:
>.


Wurde hier schon diskutiert, z.B. in
<2018Aug6.174638>.

>Warum macht Hamburg das gescheiterte Experiment jetzt nach?


Macht Hamburg das? Eine autogerechte Neustadt auf der gruenen Wiese,
die in ein paar Jahrzehnten das jetzige Hamburg als Zentrum abloesen
soll? Kann ich mir kaum vorstellen. Und dafuer wuerden 50Mio auch
bei weitem nicht reichen.

Ich schaetze, da zapfen Verkehrsplaner und Tiefbauindustrie mit dem
zeitgemaessen Deckmaentelchen "Fahrrad-Infrastruktur" die
oeffentlichen Kassen an, um wieder einmal autogerechte Planungen wie
eh und je durchzufuehren, aber angesichts der anderen
Rahmenbedingungen kommt natuerlich eine andere autogerechte
Infrastruktur heraus als in Stevenage (sowohl was den Autoverkehr,
aber noch viel mehr, was den Radverkehr betrifft), auch wenn man
Stevenage am Anfang als das Vorbild hinstellt.

Das hat den Vorteil, dass man in 20 Jahren wieder feststellen wird,
dass die Radverkehrsinfrastruktur Mist ist, und dann wieder die
oeffentlichen Kassen anzapfen kann, um endlich so eine Infrastruktur
wie in X zu bauen (X wird dann vermutlich etwas anderes sein als
Stevenage, weil da koennte sich ja jemand erinnern, aber auf jeden
Fall wird X weit weg sein und seine Radverkehrsinfrastruktur wird in
den Himmel gelobt werden).

- anton
Hans CraueI (17.12.2018, 19:59)
Herbert Albrecht schrieb

> Da gibt es also Stevenage nördlich von London, eine Stadt, die das hat,
> wovon jetzt alle Städte (angeblich) träumen und wofür Hamburg gerade 50
> Mio. Euros ausgibt: Eine richtig gute Fahrrad-Infrastruktur.


Ist durchaus bekannt. Eine autogerechte Stadt mit Fahrradverkehr auf
Sekundaerwegen.

> Die aber - auch das erfährt man im Video - kaum genutzt wird.


Es ist ebenfalls seit langem bekannt, dass Radwege keinen
Fahrradverkehr induzieren, sondern dass die Kausalkette
gerade andersherum laeuft: Wo es viel Fahrradverkehr gibt,
werden Radwege gebaut, und zwar vor allem um das Rad weg von
der Fahrbahn zu kriegen.

> Warum macht Hamburg das gescheiterte Experiment jetzt nach?


Macht Hamburg das? Hamburg ist sehr autoorientiert und hat schon
laenger unter den daraus resultierenden Automassen zu leiden.

> Für die 50 Mio. könnte man Schulen reparieren oder die Uni, Bildung
> ist doch so wichtig, oder?


Das ist einfach nur Alibi-Politik vor dem Hintergrund, beim
Autoverkehr nichts Nennenswertes zu aendern. Es wird sich
insbesondere nichts daran aendern, dass die Automassen auch
weiterhin zunehmend sich vor allem selbst im Weg sind, stehend
ebenso wie fahrend.
50 Mio klingt ja erstmal doll, ist aber im Verkehrssektor
vernachlaessigbar wenig. Hier vor einigen Jahren: Eine Untertunnelung
vor dem Hauptbahnhof, vielleicht dreihundert Meter. Kosten: 20 Mio.

Dabei kommt es darauf nicht einmal an. Problem ist ueberall der
Platz, viel weniger das Geld. Und da ist der Punkt, wo die Zusage
von Geld einfach nur reine Alibifunktion bekommt.

Hans
Bernd Ullrich (17.12.2018, 20:56)
Am 17.12.2018 um 13:24 schrieb Herbert Albrecht:
[...]
> Warum macht Hamburg das gescheiterte Experiment jetzt nach? Für die 50
> Mio. könnte man Schulen reparieren oder die Uni, Bildung ist doch so
> wichtig, oder?


Möglicherweise werden die Verantwortlichen sich darauf berufen dass sie
als HausHerren im eigenen Haus Schaden anrichten können ohne dafür
belangt zu werden...

BU
Jörg Yadgar Bleimann (18.12.2018, 10:45)
Hi(gh)!

On 17.12.18 15:31, Arne Luft trollte:

> Ich würde das unterstützen, wenn es über eine Maut der Benutzer dieser
> Radwege finanziert würde und Radfahrer keine anderen Wege benutzen
> dürfen, wenn Radwege vorhanden sind.
> Zusätzlich wäre eine Radfahrsteuer zu erheben, die jeder
> Fahrradbesitzer zahlen muß. Sagen wir 500 Euro pro Jahr und Rad. Also
> 1000 Euro für Zweiräder, 1500 Euro für Dreiräder, aber nur 500 Euro
> für Einräder.
> Desweiteren wird flächendeckend eine Gesichtserkennungssoftware
> installiert, die jeden Radler kennt.


....da fehlt am Schluss noch "AfD! AfD! AfD!"!

Uärgl!

Yadgar
Herbert Albrecht (18.12.2018, 12:06)
Am 17.12.2018 um 16:17 schrieb Anton Ertl:
> Herbert Albrecht<rz3a054> writes:
> Oder das, was sich die vom Gedanken der autogerechten Stadt beseelten
> Verkehrsplaner und Auch-Radfahrer-Lobbyisten so darunter vorstellen.


Was fehlt denn an der Fahrrad-Infrastruktur von Stevenage? Der
Guardian-Artikel berichtet nicht von Fehlern oder Versäumnissen.
>> Die aber -
>> auch das erfÃ?hrt man im Video - kaum genutzt wird.

> Welch Wunder: Wenn man eine autogerechte Stadt wie Stevenage baut,
> dann fahren dort tatsaechlich die meisten auch mit dem Auto (68.8%
> MIV-Anteil).


Dann haben wir also nun den Beweis, dass autogerechte Städte in der
Praxis funktionieren. Auch in Europa, nicht nur in den USA, wo ich sie
gefunden habe. Und wir wissen nun auch, dass das Mantra 'Strassen
erzeugen Verkehr' nicht stimmt. Weder sind die Autostrassen in Stevenage
überfüllt, was sie ja eigenntlich sein müssten noch haben die Radwege
eine entsprechende Nachfrage erzeugt.
>> Das fand ich interessant und ich fand an zu googlen und wurde fÃ?ndig:
>> Der Guardian berichtete Ã?ber den Verlauf des dortigen Experiments der
>> Fahrrad-Förderung nach dem Vorbild Hollands:
>> .

> Wurde hier schon diskutiert, z.B. in
> <2018Aug6.174638>.


Aha - und was ist dabei herausgekommen?
>> Warum macht Hamburg das gescheiterte Experiment jetzt nach?

> Macht Hamburg das? Eine autogerechte Neustadt auf der gruenen Wiese,
> die in ein paar Jahrzehnten das jetzige Hamburg als Zentrum abloesen
> soll? Kann ich mir kaum vorstellen. Und dafuer wuerden 50Mio auch
> bei weitem nicht reichen.


In Hamburg sollen jetzt die Cycle Superhighways gebaut werden, mit denen
die Londoner schon länger erfolglos rumexperimentierten und über die
sich das 'Unfertige London' so trefflich lustig macht.
> Ich schaetze, da zapfen Verkehrsplaner und Tiefbauindustrie mit dem
> zeitgemaessen Deckmaentelchen "Fahrrad-Infrastruktur" die
> oeffentlichen Kassen an, um wieder einmal autogerechte Planungen wie
> eh und je durchzufuehren, aber angesichts der anderen
> Rahmenbedingungen kommt natuerlich eine andere autogerechte
> Infrastruktur heraus als in Stevenage (sowohl was den Autoverkehr,
> aber noch viel mehr, was den Radverkehr betrifft), auch wenn man
> Stevenage am Anfang als das Vorbild hinstellt.


Den Verdacht, dass die Bauindustrie so zusätzliche Aufträge generiert,
habe ich auch. Die wären ja dumm, wenn nicht.
> Das hat den Vorteil, dass man in 20 Jahren wieder feststellen wird,
> dass die Radverkehrsinfrastruktur Mist ist, und dann wieder die
> oeffentlichen Kassen anzapfen kann, um endlich so eine Infrastruktur
> wie in X zu bauen (X wird dann vermutlich etwas anderes sein als
> Stevenage, weil da koennte sich ja jemand erinnern, aber auf jeden
> Fall wird X weit weg sein und seine Radverkehrsinfrastruktur wird in
> den Himmel gelobt werden).


Politiker, die verantwortlich mit Steuergeldern umgehen, würden nicht
jeder Möhre hinterherlaufen, die die Bauindustrie ihnen hinhält, sondern
vorher prüfen, ob die Bauwerke den gewünschten Erfolg bringen, ja, ob
sie überhaupt genutzt werden.

Herbert
Herbert Albrecht (18.12.2018, 12:35)
Am 17.12.2018 um 18:59 schrieb Hans CraueI:
> Herbert Albrecht schrieb
>> Da gibt es also Stevenage nördlich von London, eine Stadt, die das hat,
>> wovon jetzt alle StÃ?dte (angeblich) trÃ?umen und wofÃ?r Hamburg gerade 50
>> Mio. Euros ausgibt: Eine richtig gute Fahrrad-Infrastruktur.

> Ist durchaus bekannt. Eine autogerechte Stadt mit Fahrradverkehr auf
> Sekundaerwegen.


Genauer: Mit kaum Fahrradverkehr.

Der Chefplaner wird im Guardian interviewt und liefert keine schlüssige
Begründung dafür, warum so wenig Fahrrad gefahren wird. Sein Vorbild war
Holland und dort wird erheblich mehr Rad gefahren. Warum?
>> Die aber - auch das erfÃ?hrt man im Video - kaum genutzt wird.


Und warum in Stevenage nicht?

> Es ist ebenfalls seit langem bekannt, dass Radwege keinen
> Fahrradverkehr induzieren, sondern dass die Kausalkette
> gerade andersherum laeuft: Wo es viel Fahrradverkehr gibt,
> werden Radwege gebaut, und zwar vor allem um das Rad weg von
> der Fahrbahn zu kriegen.
> Macht Hamburg das? Hamburg ist sehr autoorientiert und hat schon
> laenger unter den daraus resultierenden Automassen zu leiden.


Hamburg ist nicht so autoorientiert wie du glaubst. Alle deutschen
Großstädte haben ein Platzproblem, Hamburg auch. Die Stadtplanung stammt
halt noch aus dem Mittelalter oder aus dem 19. Jh., als die
Industrialisierung begann. Damals konnten sich nur Reiche Autos kaufen.
Man setzte gezwungenermassen auf Massentransport, das war billiger.

Als nach dem Krieg alles kaputt war, versuchten einige Stadtplaner, die
absehbaren Anforderungen modernen Lebens zu berücksichtigen aber sie
kamen nicht weit. Unter den Strassen lagen Wasser- und Abwasserrohre,
Strom- und Telefonleitungen, fast unbeschädigt. Damals mussten so viele
Schäden so schnell beseitigt werden, da konnte man nicht auch noch neue
Strassen anlegen mit neuen Versorgungsleitungen.

Dazu kam der Zuschnitt der Grundstücke. Man wollte ja eine
Marktwirtschaft aufbauen, da durfte man die nicht einfach enteignen. Die
Häuser waren kaputt, die Besitzer tot oder in Gefangenschaft. Mit wem
sollte man da über Verlegungen verhandeln?

In Ostdeutschland gab es solche Bedenken nicht, da wurden Strassen eher
mal völlig neu angelegt, wenn die Partei das befahl: Die Partei, die hat
immer Recht...
> Das ist einfach nur Alibi-Politik vor dem Hintergrund, beim
> Autoverkehr nichts Nennenswertes zu aendern. Es wird sich
> insbesondere nichts daran aendern, dass die Automassen auch
> weiterhin zunehmend sich vor allem selbst im Weg sind, stehend
> ebenso wie fahrend.


Wie man das in den Griff kriegt, zeigt Stevenage.

> 50 Mio klingt ja erstmal doll, ist aber im Verkehrssektor
> vernachlaessigbar wenig. Hier vor einigen Jahren: Eine Untertunnelung
> vor dem Hauptbahnhof, vielleicht dreihundert Meter. Kosten: 20 Mio.


Da kann man ja nur froh sein, dass unsere Fahrrad-Ideologen den
Hauptbahnhof nicht untertunneln wollen :-)
> Dabei kommt es darauf nicht einmal an. Problem ist ueberall der
> Platz, viel weniger das Geld. Und da ist der Punkt, wo die Zusage
> von Geld einfach nur reine Alibifunktion bekommt.


Ja, leider, so geht der Staat ja oft mit Steuergeldern um. Deshalb haben
wir ja einen so hohen Staatsanteil am BSP - und es reicht immer noch nicht.

Herbert
Johann Mayerwieser (18.12.2018, 12:46)
Am Tue, 18 Dec 2018 11:06:34 +0100 schrieb Herbert Albrecht:

> Und wir wissen nun auch, dass das Mantra 'Strassen erzeugen Verkehr'
> nicht stimmt.


In Wien konnte nachgewiesen werden, dass du recht hast.
neben einer unter Tags ständig vollen 4-spurigen Autobahn (A23) wurde zur
Entlastung eine 2-spurige Autobahn einige Kilometer weiter weg gebaut
(S1). Nachdem jetzt 6 Spuren unter Tags ständig voll sind, kann man nicht
von einer Verkehrszunahme reden, weil ja nur voll ist und nicht jeden TAg
STau.
Bernhard Kraft (18.12.2018, 13:07)
Herbert Albrecht <rz3a054> wrote:
> Da gibt es also Stevenage nördlich von London, eine Stadt, die das hat,
> wovon jetzt alle Städte (angeblich) träumen und wofür Hamburg gerade 50
> Mio. Euros ausgibt: Eine richtig gute Fahrrad-Infrastruktur. Die aber -
> auch das erfährt man im Video - kaum genutzt wird.
> Das fand ich interessant und ich fand an zu googlen und wurde fündig:
> Der Guardian berichtete über den Verlauf des dortigen Experiments der
> Fahrrad-Förderung nach dem Vorbild Hollands:
> .

Es war vielleicht ein ungünstiger Zeitpunkt für das Experiment. In den
60ern war das Automobil für Jedermann ein Traum. Das es zu einem Albtraum
werden könnte, wollte damals niemand wissen. Wenn man dann erst einmal eine
Bevölkerung hat, die beim Verlassen der Haustür automatisch die
Autoschlüssel mitnimmt, kann man das Bewusstsein nicht mehr umpolen.

> Warum macht Hamburg das gescheiterte Experiment jetzt nach? Für die 50
> Mio. könnte man Schulen reparieren oder die Uni, Bildung ist doch so
> wichtig, oder?

Das kann man nicht vergleichen, weil Großstadt und anderes Jahrzehnt. In HH
wird man es sowieso nicht so umsetzen wie in England oder Holland, weil man
gar nicht so viel Fläche für eine Radinfrastruktur zu opfern bereit ist.
Ralph Aichinger (18.12.2018, 13:08)
In de.rec.fahrrad Herbert Albrecht <rz3a054> wrote:
> Was fehlt denn an der Fahrrad-Infrastruktur von Stevenage? Der
> Guardian-Artikel berichtet nicht von Fehlern oder Versäumnissen.


Ich hab die Vermutung, daß Stevenage wie andere Trabantenstädte
der 60er einfach wenige interessante Ziele in Fahrradentfernung
hat. Das ist im wesentlichen eine Planung fürs Auto, eine auotgerechte
Stadt 40km von London, mit Autobahnaschluß etc. aber auch wenig
Leben.

Da ist mit oder ohne Radwegen vermutlich keine attraktive Umgebung
fürs Radfahren (oder für Fußgänger) gegeben. Schau dir die Fotos
an die man im Internet findet.



Wenn man sich attraktive Städte anschaut (z.B. Bologna, Salzburg)
in denen man sich gerne zu Fuß oder mit dem Rad bewegt, die schauen
ganz anders aus.

/ralph
Ralph Aichinger (18.12.2018, 13:18)
In de.rec.fahrrad Herbert Albrecht <rz3a054> wrote:
> Der Chefplaner wird im Guardian interviewt und liefert keine schlüssige
> Begründung dafür, warum so wenig Fahrrad gefahren wird. Sein Vorbild war
> Holland und dort wird erheblich mehr Rad gefahren. Warum?


Schau dir Fotos von Amsterdam an, und dann Fotos von Stevenage und
du weißt es. Stevenage war eine "New Town", eine Reißbrettplanung
der Nachkriegszeit, gebaut nach dem Credo LeCorbusiers und der
CIAM, letztendlich nicht explizit aber implizit das Bild einer
"autogerechten Stadt".

Versteh mich nicht Falsch, man findet eine wirkliche Schönheit[1]
in vielen dieser Orte der 60er, und in 100 Jahren wird man auch
das verklären, aber wenn ich mir aussuche ob ich in einer gewachsenen
Stadt lebe oder einer Ansammlung von Betonklötzen aus den 60er-Jahren
des letzten Jahrhunderts, dann weiß ich wofür ich mich entscheide.

/ralph

[1] die aber vermutlich nur Leute entdecken können, die der klassischen
Moderne und dem Brutalismus was abgewinnen.
Arno Welzel (18.12.2018, 16:19)
Herbert Albrecht:

> Hallo,
> ich bin in Youtube über ein Video gestolpert, in dem Londons
> Fahradpolitik behandelt wird
> (). Na ja, das Übliche halt,
> mit etwas britischem Humor aufgelockert, dachte ich - und dann kam doch
> noch etwas für mich Neues - ab Minute 6.
> Da gibt es also Stevenage nördlich von London, eine Stadt, die das hat,
> wovon jetzt alle Städte (angeblich) träumen und wofür Hamburg gerade 50
> Mio. Euros ausgibt: Eine richtig gute Fahrrad-Infrastruktur. Die aber -
> auch das erfährt man im Video - kaum genutzt wird.


Was ich jetzt wenig überraschend finde.

Wie da auch im Video erklärt wird, haben die Leute in Stevenage keinen
Grund, auf ihre Autos zu verzichten. Es gibt insgesamt wenig Verkehr und
man kann überall kostenlos parken. Dazu kommt, dass die wenigsten Leute
komplett ohne Auto leben, wenn sie in einer kleinen Stadt vor London
wohnen. Stevenage hat ca. 80000 Einwohner, da hat man sicher öfter mal
Gründe, woanders hinzufahren. Und die öffentlichen Verkehrsmittel in
England sind seit der Privatisierung der Bahn deutlich stressiger als in
Deutschland.

> Warum macht Hamburg das gescheiterte Experiment jetzt nach? Für die 50
> Mio. könnte man Schulen reparieren oder die Uni, Bildung ist doch so
> wichtig, oder?


Und ist dokumentiert, dass für Schulen und Universitäten kein Geld da
ist, weil man das Geld statt dessen lieber in den Radverkehr steckt?

Abgesehen davon: für 50 Mio. wird man aber ganz sicher nicht Hamburg
flächendeckend mit Radinfrastruktur versehen können. Ich erinnere mich
an Augsburg, wo der Umbau *einer* Straße in der Innenstadt auf einer
Länge von ca. 400 Metern schon einige Millionen gekostet hat. Selbst
wenn man nur ein Drittel davon für die dabei eingebauten Radspuren
ansetzt, reichen 50 Mio. nur für eine Handvoll Straßen - bezogen auf
ganz Hamburg ist das nicht viel.
Markus Luft (18.12.2018, 17:54)
On Tue, 18 Dec 2018 10:46:56 +0000, Johann Mayerwieser wrote:

> Am Tue, 18 Dec 2018 11:06:34 +0100 schrieb Herbert Albrecht:
> In Wien konnte nachgewiesen werden, dass du recht hast.
> neben einer unter Tags ständig vollen 4-spurigen Autobahn (A23) wurde zur
> Entlastung eine 2-spurige Autobahn einige Kilometer weiter weg gebaut
> (S1). Nachdem jetzt 6 Spuren unter Tags ständig voll sind, kann man nicht
> von einer Verkehrszunahme reden, weil ja nur voll ist und nicht jeden TAg
> STau.


Als Hamburger müßte Herbert eigentlich wissen, daß an der Faustregel
"Straßen induzieren Verkehr" eben doch viel dran ist.
Mit jeder neuen Tunnelröhre unter der Elbe kam auch wieder mehr
Verkehr, so daß es sich dann doch wieder staut.
Bei den Bahnlinien von S-H nach HH gibt es Investitionsstau.
Mit den Phantastilliarden die in den Ausbau der A7 gesteckt wurden,
hätte man auch einen Transrapid von KI nach HH bauen können ? Die
Innenausstattung in Samt und Seide, mit güldenen Knöpfchen.

Das Neu- und Ausbau von Straßen zusätzlichen Verkehr induziert ist in
Fachkreisen unbestritten, man streitet sich lediglich über die Höhe
des Effekts.
Was hierzuorts IMHO immer wieder vergessen wird, ist der sekundär
induzierte Verkehr. Mit dem Ausbau der A21 z.B. wird man nur wieder
Leute auf's Land locken, die dann mit dem Auto nach KI fahren.
Die Siedlungen für die Leute, die da jetzt noch nicht wohnen, werden
aber entstehen und dann staut es sich wieder und es muß wieder
ausgebaut werden, usw..
Und dann bauen die Klappspaten vielleicht noch die B76 zur Autobahn
aus ...

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