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Peter Ley (19.07.2004, 14:23)
unser täglicher
fall
in die scherbenhaufen
anderer Ichs
hält uns blutend
und rein
die Heilung
nach dem letzten
fall
verschließt uns
für immer

Peter Ley (2004)
Barbara Kiray-Hueholt (19.07.2004, 14:51)
Hi Peter,

Peter Ley <mr.kettelring> schrieb:

[..]
>fall
>verschließt uns
>für immer


Das stimmt nicht.

Gruß
Barbara
Peter Ley (19.07.2004, 18:02)
Hallo Barbara,

>Das stimmt nicht.


Mich würde Deine Interpretation interessieren, vielmehr was da in
Deinen Augen nicht stimmig ist.

Grüßle
Peter
Barbara Kiray-Hueholt (19.07.2004, 18:36)
Hi Peter,

Peter Ley <mr.kettelring> schrieb:

>Mich würde Deine Interpretation interessieren, vielmehr was da in
>Deinen Augen nicht stimmig ist.


Nicht "nicht stimmig", sondern ich meinte die Schlussaussage als
solche. Meine Reaktion kam vielleicht etwas zu impulsiv. :-(
Deine Zeilen sind in sich so stimmig wie es nur geht.

Ich will mal versuchen, es so aufzudröseln, wie ich es spontan
verstanden hatte:
Fast täglich wird man mit den Resultaten der Probleme von Mitmenschen
konfrontiert, was mitunter mit sich bringt, ständig an die eigene/n
Wunde/n erinnert zu werden, die sich darum nicht schließen
will/wollen/können ect.
Weiterführend halten uns diese o.g. Resutate aber auch davon ab,
selbst wieder eine neue Wunden zu riskieren (auch indem sie die Wunden
offen halten). Nach dem Motto "Man sieht ja, was daraus wird".
Schließlich bekommt man diese Resultate immer wieder als leuchtende
negativ Beispiele vorgeführt.
Ad finitum macht man selbst ganz "dicht", geht gar keine Risiken mehr
ein, die eine "bestimmte" Wunde reißen könnten.
Ömmm ... war das zu verstehen?

Mein "Das stimmt nicht" war auf mich selbst als Beispiel bezogen. So
mehr im Kopf, aber laut gedacht. Du weißt vielleicht, worauf sich das
bezieht.

Grüßle
Bärbel
Karl-Ludwig Diehl (19.07.2004, 19:54)
Hm,

es ist eher anders herum:

unser tägliches
gestoßen werden
in das eigene Ich
schafft
bereinigung
von
entfremdung

K.L.

Peter Ley schrieb in der newsgroup de.etc.schreiben.lyrik:
[..]
Karl-Ludwig Diehl (19.07.2004, 22:32)
Hm,
Barbara Kiray-Hueholt schrieb in der newsgroup de.etc.schreiben.lyrik:
> Fast täglich wird man mit den Resultaten der Probleme von Mitmenschen
> konfrontiert, was mitunter mit sich bringt, ständig an die eigene/n
> Wunde/n erinnert zu werden, die sich darum nicht schließen
> will/wollen/können ect.


Diese Verwund(er)ungen produzieren aber auch Wege, die sich ganz neu
öffnen, vorher nicht da waren.

> Weiterführend halten uns diese o.g. Resutate aber auch davon ab,
> selbst wieder eine neue Wunden zu riskieren (auch indem sie die Wunden
> offen halten).


Das liegt mehr daran, dass Sozialbeziehungen nur in einem bestimmten
Umfang aufrechterhalten werden können, also ständig neue aufgebaut
werden, alte abzubauen sind. Wer Kinder hat, sieht das mit großer
Beschleunigung in eigenartigen Rhythmen. zugleich produziert sich die
Erinnerung an die riesigen Verluste an Sozialbeziehungen, die man selbst
hatte, täglich neu. Darin liegt eine seltsame Normalität.

Nach dem Motto "Man sieht ja, was daraus wird".

Das ist nur die eine Seite. Es reizt die einen mehr das Unbekannte, sie
wollen auf etwas stoßen, das neu für sie ist, usw. Der Weg weiter,
fächert sich immer auf und läßt Entscheidungen für das Neue zu.

> Schließlich bekommt man diese Resultate immer wieder als leuchtende
> negativ Beispiele vorgeführt.


Dann fährt aber jemand monotone Selbstverwirklichungsstrukturen.

> Ad finitum macht man selbst ganz "dicht", geht gar keine Risiken mehr
> ein, die eine "bestimmte" Wunde reißen könnten.


Diese Menschen gibt es. Interessante Leute, die viel Beweglichkeit
brauchen, gehen anders vor.

K.L.
Peter Ley (20.07.2004, 09:37)
Hallo Barbara,

Danke für Deine Interpretation. Für diese müsste das Gedicht
vielleicht etwas anders beschaffen sein. Ich glaube - und vielleicht
ist es eine Glaubensfrage - dass der Mensch kein autonomes, aus sich
selbst heraus starkes Wesen ist, sondern nur im offenen System mit
Anderen leben kann. Der letzte Fall in meinem Gedicht ist der
Totalrückzug, entweder psychischer oder physischer Tod. Die Heilung
ist die Heilung vom "Leben", man könnte auch vom spirituellen Streben
nach Schmerzlosigkeit sprechen. Die Wunde ist ambivalent; im
negativen Sinn schmerzlich, im positiven eine Art Aderlass (Reinigung)
oder Geschenk (Herzblut) an den/die Anderen.

Grüßle
Peter
Peter Ley (20.07.2004, 10:03)
Hallo Karl,

>Hm,
>es ist eher anders herum:
>unser tägliches
>gestoßen werden
>in das eigene Ich
>schafft
>bereinigung
>von
>entfremdung


Nun, zentrale Metapher meiner Zeilen ist die blutende Wunde (die
reinigt). Ich suche sie vergebens in Deiner Inversion. Wenn sich "der
Andere" in den Scherbenhaufen unseres Ichs kniet, bekommen wir das oft
gar nicht so schnell mit.

Grüßle
Peter
Karl-Ludwig Diehl (20.07.2004, 11:29)
Hm,
Peter Ley schrieb in der newsgroup de.etc.schreiben.lyrik:
> Nun, zentrale Metapher meiner Zeilen ist die blutende Wunde (die
> reinigt).


Vermutlich kein gutes Bild. Sie deutet auf eine Programmatik der
Lebenszusammenhänge, die zur Selbstzerstörung führt.

> Ich suche sie vergebens in Deiner Inversion.


Ich finde das Bild falsch.

> Wenn sich "der
> Andere" in den Scherbenhaufen unseres Ichs kniet, bekommen wir das oft
> gar nicht so schnell mit.


Er hat darin garnicht zu knien, in unserem Ich.
Das Bild eines Scherbenhaufens ist melodramatisch angelegt. Jemand, der
sich ein solches Bild vom anderen schafft, um darin zu knien, suggeriert
sich ein Leiden des anderen, an dem er sich weiden will.
Die Falschheit des Bildes ist des anderen Leid, eine Suggestion, um sich
daran zu erfreuen.

Es gibt sicher brauchbarere Bilder, seelische Zustände zu strukturieren.
Aufbauende Bilder, die andere weiterführen, darin bestärken, ihren
Stärken zu folgen. Das bedeutet dann Kooperation, gemeinsame
Unternehmungen, zum Beispiel ein Dichtertreffen in Mehlem zu
organisieren. Zernichten, sich am Leid anderer weiden, in dessen
erzeugten Wunden auch noch knien zu wollen, sollen, müssen, bringt doch
nichts.

K.L.
Barbara Kiray-Hueholt (20.07.2004, 12:03)
Hallo Peter,

Peter Ley <mr.kettelring> schrieb:

>Hallo Barbara,
>Danke für Deine Interpretation. Für diese müsste das Gedicht
>vielleicht etwas anders beschaffen sein.


Ich denke, das müsste es gar nicht. Meine Gedanken dazu kamen
immerhin direkt beim ersten Lesen.

>Ich glaube - und vielleicht
>ist es eine Glaubensfrage - dass der Mensch kein autonomes, aus sich
>selbst heraus starkes Wesen ist, sondern nur im offenen System mit
>Anderen leben kann. Der letzte Fall in meinem Gedicht ist der
>Totalrückzug, entweder psychischer oder physischer Tod. Die Heilung
>ist die Heilung vom "Leben", man könnte auch vom spirituellen Streben
>nach Schmerzlosigkeit sprechen. Die Wunde ist ambivalent; im
>negativen Sinn schmerzlich, im positiven eine Art Aderlass (Reinigung)
>oder Geschenk (Herzblut) an den/die Anderen.


So anders ist Deine Erklärung gar nicht, sie ist vieleicht etwas
globaler. Es hat mich so stark angesprochen, weil es genau das Thema
von "Die Fasern des Holzes" ist. Hier ist nämlich die Konsequenz genau
die Deines Gedichtes, so wie Du es oben offen gelegt hast. Aber diese
Konsequenz hielt ich schon beim Schreiben für falsch.

Adele
Barbara
Peter Ley (20.07.2004, 17:02)
>Er hat darin garnicht zu knien, in unserem Ich.
[..]
>organisieren. Zernichten, sich am Leid anderer weiden, in dessen
>erzeugten Wunden auch noch knien zu wollen, sollen, müssen, bringt doch
>nichts.


Um Deinen Verfolgungswahn einzudämmen, und damit es keine unliebsamen
Mißverständnisse gibt: Du und Dein Mehlem kümmern mich wenig, da wo es
mich kümmert, spreche ich es _direkt_ an (ist mit der Nadelman-Parabel
längst abgehakt). Wenn Du in all meinen Zeilen Anspielungen siehst,
nimmst Du Dich zu wichtig.

Grüßle
Peter
Karl-Ludwig Diehl (20.07.2004, 18:42)
Hm,
Peter Ley schrieb in der newsgroup de.etc.schreiben.lyrik:
> Um Deinen Verfolgungswahn einzudämmen


Ich hab keinen, auch wenn Du Dir noch so Mühe gibst, mir einen
anzudichten.

> Du und Dein Mehlem kümmern mich wenig


Ich habe kein Problem damit.

> ...nimmst Du Dich zu wichtig.


Das nicht. Soweit würde ich nicht gehen.

K.L.
Peter Ley (20.07.2004, 20:49)
>Ich hab keinen, auch wenn Du Dir noch so Mühe gibst, mir einen
>anzudichten.


Dann bist Du wohl ein bisschen verwirrt, und meinst in jeder Zeile
einen Mehlem-Bezug zu sehen!? Ich habe Nachsicht und bin gnädig mit
Dir.

Grüßle
Peter

ps.: Verfolgungswahn ist vielleicht nicht der richtige Begriff;
Projektion trifft wohl eher zu ;-)
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